Was tun, wenn die rosa Brille grau wird?
Shownotes
Im Alltag einer längeren Partnerschaft tragen wir oft eine graue Brille. Der Partner, die Partnerin erscheint uns maximal unpassend, während wir in Wirklichkeit mit uns selbst unzufrieden sind.
Wir stören uns an den Gegensätzen, die uns ursprünglich so fasziniert hatten. Auf einmal wird „das quirlige Energiebündel“ anstrengend und „der Fels in der Brandung“ fad.
In gewohnt lebendigen Beispielen und Anekdoten aus Jahrzehnten Beziehung und Paarbegleitung besprechen Sabine und Roland Bösel, warum von Fairness alle profitieren, auch unsere Kinder.
Erfahre, wie hilfreich ein klarer Blick auf das, was ist, sein kann – und wie Paare neu zu einer gereiften Form einer rosaroten Brille finden.
Abonniere diesen Podcast, um zukünftige Folgen zu hören – und teile ihn gerne mit Menschen, die von sachkundigen Tipps in Sachen Liebe, Partnerschaft und Familie profitieren könnten.
Was dich vielleicht auch interessiert:
• 🔗Folge 2: Beziehung ohne Ablaufdatum – Teil 1 • 🔗Folge 3: Beziehung ohne Ablaufdatum – Teil 2 • 🔗Folge 4: Sicherheit oder Leidenschaft – was braucht die Liebe? • 🔗Liebesdoppel – Online-Kurs für gelingende Beziehungen: https://www.liebesdoppel.at/ • 🔗Die Website der Bösels: https://boesels.at/index.php • 🔗Die Bücher der Bösels: https://boesels.at/publikationen/ • 🔗Der Newsletter der Bösels: https://boesels.at/newsletter/
Produktion: Umsetzerei Wien
Transkript anzeigen
00:00:08: Sabine: Herzlich willkommen zu unserem Podcast Liebesdoppel.
00:00:11: Roland: Der Podcast fürs Zwischenmenschliche.
00:00:14: Sabine: Hier sind die Bösels, mein Name ist Sabine Bösel.
00:00:17: Roland: Mein Name ist Roland Bösel und in der heutigen Folge sprechen wir über was tun, wenn die rosa Brille grau wird.
00:00:29: Sabine: Und wir stellen uns kurz vor, wir sind die Bösels, die im achten Bezirk eine Praxis betreiben, eine paartherapeutische Praxis, das ist unser Schwerpunkt. Bei uns kommen viele Paare, die gerade Hilfe brauchen.
00:00:43: Roland: Und wir haben nur die rosa Brille auf, meistens.
00:00:46: Sabine: Fast immer.
00:00:47: Roland: Nein, wir sind auch seit fast 50 Jahren ein Paar und haben mit dem Thema rosa Brille und graue Brille schon recht viel Erfahrung gemacht. Auch manchmal, wenn wir einen Podcast aufnehmen und dann mit der grauen Brille starten, merken wir, nein, heute ist besser, wir lassen es. Bin gespannt, wie es jetzt wird, Sabine.
00:01:08: Sabine: Die rosa Brille, liebe Hörerinnen, liebe Hörer, ich glaube, ihr kennt alle die rosarote Brille in der Verliebtheit. Wir meinen jetzt die Verliebtheit damit. Ja, die Verliebtheit ist ein ganz besonderer Zustand, wo wir auch physiologische Reaktionen haben. Wir haben die berühmten Schmetterlinge im Bauch, wir haben schwitzige Hände, wir haben Herzklopfen, wir sind irgendwie sehr beschwingt und beflügelt. Und ein Zitat, das wir auch immer gern zitieren, ist, Verliebtheit ist die schönste Form von Psychose.
00:01:39: Roland: Eine der schönsten.
00:01:41: Sabine: Verliebtheit ist eine der schönsten Formen der Psychose.
00:01:45: Roland: Weil es ist wie ein Rauschzustand und in der Verliebtheit ist ja das Kritikzentrum im Gehirn ausgeschaltet und das ist ja auch gut so, Sabine, weil, stell dir vor, das wäre nicht so, wir wären schon längst ausgestorben, wenn wir nicht auch ein Stück im Rauschzustand sind. Das heißt, wir verlieben uns in einen Menschen und im Kleingedruckten steht, Achtung, Achtung, ich werde dann eher ein vorwurfsvoller Mensch oder Achtung, ich werde nicht sprechen, aber die meisten von uns ignorieren dieses.
00:02:17: Sabine: Man schiebt es beiseite, falls man es überhaupt wahrnimmt, Kleingedruckte. Ja, weil das Kritikzentrum ausgeschaltet ist. Ja, aber es ist nicht dabei. Dann sagt vielleicht die beste Freundin, du, sag einmal, der ist ja schon deinem Ex-Mann irgendwie relativ ähnlich. Ist dir das aufgefallen? Hast du das gemerkt, dass der dann auch manchmal so in einem Schweigen versinkt? Mir kommt das so vor, dass der das auch kann.
00:02:37: Roland: Der hat auch so einen super Rückzug.
00:02:38: Sabine: Ja, ist dir das nicht aufgefallen?
00:02:40: Roland: Ja, der ist ganz anders, sagt sie dann. Das ist ja gar kein Vergleich.
00:02:45: Sabine: Ja, und außerdem, das kriegen wir schon hin. Das kriegen wir schon hin.
00:02:49: Roland: Das sagen manche Frauen, aber das ist ein Vorurteil. Also, was wir meinen ist, dass mit dieser rosa-roter Brille, die du deinem Menschen aussuchst, der auf der einen Seite ja wirklich diese rosa Seite hat, aber auch diese dunklen Seiten, aber die ignorieren wir. Und wem sind wir in dem Moment, wo wir dann einmal später die klare Brille haben und bis hin zur grauen, natürlich unsere Partnerin und Partner, dass er oder sie so ist, weil sonst müsste man sich ja eigentlich selber böse sein, dass man damals aufs Kleingedruckte nicht hinschaut.
00:03:23: Sabine: Dass man es nicht gesehen hat. Man ist beflügelt.
00:03:25: Roland: Mein Lieblingsbeispiel, Sabine, ist ja, was bei uns in der Praxis oft vorkommt. Also, wir haben ja schon viele Paare gesehen und begleitet. Die sitzen dann da, das Paar, und da ist wirklich dann die graue Brille, kann man sagen. Also, die wenigsten Paare kommen mit einer rosa Brille zu uns oder mit einer ganz klaren Brille. Die meisten kommen, weil es dunkelgrau ist. Dann sagst du, naja, was ist denn ihr Problem? Und dann sagt zum Beispiel die Frau, na, der redet nix mehr. Also, es ist unglaublich.
00:03:59: Sabine: Wir haben überhaupt keine Verbindung. Der redet überhaupt nix. Ich kenn mich nicht aus. Na, und was sagt er? Was sagt er?
00:04:05: Roland: Ja, die kann überhaupt nimmer mehr die Luft anhalten. Die redet ununterbrochen ständig, muss was getan werden. Sie will ständig reden.
00:04:12: Sabine: Sie setzt mich unter Druck, weil ich soll dann irgendwelche Gefühle produzieren. Was will sie denn von mir? Ich komme gar nicht mit. Es ist auch alle halben Stunden was anderes.
00:04:21: Roland: Und dann kommt dieser magische Moment in unseren Therapien. Das ist auch mit Hilfe der Imago-Methode, mit der wir arbeiten. Dazu wird es einen eigenen Podcast geben. Nämlich, das Besondere bei der Imago-Methode ist, dass wir dann das Paar zueinander schauen lassen. Das heißt, alle Menschen, die das Glück haben, sehend zu sein, blicken dann in das Gesicht des Partners. Und da wird die jetzt mittlerweile schon sehr stark dunkelgraue Brille plötzlich wieder heller.
00:04:54: Sabine: Ja, und es kommen Emotionen. Weil das, was vorher vielleicht festgefahren war und mit Vorwürfen und auch mit Kälte oder mit Aggression auch da ist, wenn die beiden sich in die Augen schauen, passiert schon oft etwas. Auch, dass die Tränen dann kommen. Diese Sehnsucht oder diesen Wunsch auch in Verbindung zu sein.
00:05:14: Roland: Insbesondere, wenn du dann zum Beispiel die Frage stellst, können sie uns erzählen, wie sie sich ineinander verliebt haben. Dann kriegt diese rosa Brille zumindest für einen Moment wieder eine Bedeutung. Und dann kriegen die Paare wieder eine Idee, so war es einmal und vielleicht würde ich gern auch dort wieder hin. Aber in den letzten Monaten, Jahren hat diese graue Brille uns so dominiert.
00:05:42: Sabine: Und die Geschichte, ich frage das dann ab oder du halt, je nachdem, wer gerade diese Sitzung macht. Wir fragen dann ab, was war denn eben, wie haben Sie sich kennengelernt, was war das für Situation. Und weißt du, was mir aufgefallen ist? Das Licht wird dann heller. Ja, die Lampe ist plötzlich heller. Es wird plötzlich viel heller in dem Zimmer und die Sonne geht auf. Und meistens erzählt eine Person, fängt halt an, was zu erzählen. Und der andere ist dann schon so gerührt, weil er sich dann auch diese Bilder im Kopf hat. Er oder sie, je nachdem, hat dann diese Bilder im Kopf von dieser ersten Phase, wo man sich verliebt hat, wo man begeistert war und wo es so schön war. Und man gemeinsam auf Wolke sieben war. Und dann frage ich natürlich auch die andere Person, können Sie es mir auch noch erzählen? Und plötzlich ist da eine völlig andere Stimmung.
00:06:34: Roland: Liebe Hörer, das hört sich so ein bisschen lustig an. Wir wissen, dass sich das, wenn man mittendrin ist, nicht lustig anfühlt. Man hatte ja mit dieser rosa Brille so eine Idee, das ist jetzt der Mann, die Frau meines Lebens. Wird mich auch sicher glücklich machen, ganz sicher. Und dann findet man sich irgendwann, das ist ja oft nicht gleich, aber wenn dann diese rosa Brille nachlässt, dann kommt zuerst dieser klare Blick, dann irgendwann taucht dann die graue Brille auf, weil ja auch der Beziehungsalltag, es gibt so viele Herausforderungen im Leben.
00:07:11: Sabine: Es gibt Streit, es gibt Stress, es gibt Auseinandersetzungen, Machtkämpfe.
00:07:15: Roland: Weil Sabine, wie sagst du immer, in der Verliebtheit ist man ja die beste Version.
00:07:20: Sabine: Genau, man ist die beste Version von sich selbst. Also man ist eben beflügelt, man ist, man zeigt sich von der besten Seite, man ist ein großzügiger, empathischer Mensch, der Optimismus versprüht und man ist auch mutiger. Also das fällt mir auch immer wieder auf, wie mutig man dann auch oft ist und wie man dann etwas macht, was man sonst nie gemacht hätte. Ich habe letztens eine Geschichte gehört von, wir sind dann Austern essen gegangen, haben Austern geschlürft und Sekt getrunken. Das habe ich mein Leben noch nie gemacht und ich habe das immer schrecklich gefunden. Und dann hat er gesagt, gehen wir doch dorthin. Er hat das Lokal mir genannt, ich wusste das nicht. Dann habe ich mir gedacht, jetzt gehe ich halt hin, jetzt mache ich wieder mal etwas. Ich habe jetzt so viele Dinge gemacht, die ich noch nie gemacht habe in meinem Leben, in den letzten Wochen, weil es ist alles so neu und so aufregend und plötzlich traut man sich auch etwas zu machen, was man sonst nicht gemacht hätte.
00:08:15: Roland: Schauen wir unsere Beziehung an. Liebe Hörerinnen, liebe Hörer, wir sprechen auch deswegen immer wieder von unserer Beziehung, weil aufgrund unserer 50-Jahre Beziehung haben wir diese ganzen Phasen durchlebt und durchleben sie immer noch, weil die graue Brille liegt genauso herum wie die rosa Brille, auch die klare Brille und wenn man im Stress ist, greift man vielleicht dann gerade zur grauen Brille, anstatt innezuhalten, um zu sehen, wenn ich klar hinschaue, wie viel Schönes und wie viel Besonderes wir in unserer Beziehung haben. Also wie wir uns kennengelernt haben, hast du mir ja vermittelt, dass innehalten was Besonderes ist, dass es gut ist, sich nicht nur mit der Arbeit zu beschäftigen. Ich erinnere mich, wir waren in der Verliebtheit in Florenz. Du hast gesagt, fahren wir nach Florenz. Ich habe mir noch gedacht, wie soll das gehen? Also wenn du zum ersten Mal zuhörst, ich hatte ein Familienerbe bekommen in dem eines Familienunternehmens, das ich dann geführt habe und da war natürlich eine Fahrt nach Florenz. Geht das überhaupt? Kann man das dem Unternehmen?
00:09:25: Sabine: Schade um die Zeit, man könnte arbeiten in der Zwischenzeit. Ja und wir hatten nicht viel Geld, wir haben wirklich nicht so viel zur Verfügung gehabt, eigentlich kaum was und ich weiß noch, wir waren da im dritten Stock oben in einem Zimmer mit natürlich kein Lift, sondern Stiege. Es war sauheiß, ich glaube es war August, es war Juli oder August, das weiß ich nicht mehr, aber jedenfalls da hinauf gehen, ich sehe das noch vor mir, wie heiß das war, diese Stiege da hinauf zu gehen.
00:09:50: Roland: Wer Verliebtheit macht, mag das.
00:09:52: Sabine: Wir haben das gemacht, wir waren trotzdem begeistert, weil wir da Florenz erobert haben.
00:09:57: Roland: Und ich weiß heute noch, wie der Baumeister des Florenzer Tums heißt, nämlich Arnolfo di Cambio und der Turm war von Brunelleschi oder ist von Brunelleschi, der ja dann diese Brunelleschi-Kuppel war dann das Modell für die Kuppel im Peterstum von Michelangelo. Ja warum, ich war verliebt und in der Verliebtheit hat man auch im Verlieren dann gewisse Bahnen, die dann so aktiviert sind, wo das gut gespeichert ist. Zum Unterschied von dann etwas später, wie war es dann bei uns?
00:10:30: Sabine: Ja und ich habe mich nicht gefürchtet, weil ich war ja sonst schon eher ängstlich und habe viel darüber nachgedacht, was könnte man tun, aber habe es nicht gemacht. Und wir sind da nach Italien gefahren und ich war sehr mutig und bin über mich hinausgewachsen, dann fahren wir halt mit dem Auto, das Auto war ja schon ziemlich ramponiert, aber ja, geht schon, passt schon.
00:10:49: Roland: Jahre später, wie wir das nennen, im Machtkampf oder in den Beziehungsdiskussionen, habe ich dann der Sabine vorgeworfen, warum tust du nichts, du denkst so viel nach, jetzt kannst du in Bewegung kommen und du hast zu mir oft gesagt, was hast du zu mir gesagt Schatzi?
00:11:06: Sabine: Haben sie dich jemals gefragt, ob du dieses Unternehmen machen willst?
00:11:09: Roland: Ja, das war dann schon später, aber du hast gesagt, jetzt halt einmal die Luft an, hast du zu mir gesagt, nicht schon wieder ein neues Thema. Nicht schon wieder ein neues Thema. Nicht schon wieder ein Arbeiten, aber...
00:11:20: Sabine: Du überrollst mich, du bist so schnell, das geht mir alles viel zu schnell und warum das schon wieder? Und das muss ja doch genug sein. Also mir ist das dann auf die Nerven gegangen, dass dieses Schnelle und dieses Handeln und einfach ausprobieren. Ich habe das dann als kopflos auch bezeichnet.
00:11:36: Roland: Wir haben auch vor, einen Podcast zu machen zu den Gegensätzen. Wir wollen das jetzt nicht so sehr ausbreiten, aber was wir euch vermitteln wollen, ist das, was ich am Anfang einer Beziehung besonders liebe und mit einer rosa Brille anschaue, weil alles hat zwei Seiten oder mehrere, nämlich die Seite, wo es hilfreich ist oder auch wo es eine Beziehung bremsen kann.
00:11:59: Sabine: Ja, und was haben die beiden, von denen wir am Anfang jetzt geredet haben vorher, die haben sich, als sie sich verliebt haben, hat sie gesagt, boah, der ist so ruhig und das ist ein Fels in der Brandung, den bringt nichts aus der Ruhe und er hat sich gedacht, na, das ist eine interessante Frau, die ist so quirlig, da ist immer was los, diese Lebendigkeit, ich finde das ganz toll. Vielleicht darf ich jetzt was verraten, ein Geheimnis. Die Verliebtheit nimmt ein Ende. Es gibt niemanden, der ein ganzes Leben lang verliebt ist. Die rosa Brille ist schon, die liegt am Regal. Dazu komme ich später.
00:12:32: Roland: Man kann sie auch weghauen.
00:12:33: Sabine: Nein, ich komme später noch zu der rosa Brille. Aber was ich sagen wollte, dass die die Verliebtheit nachlässt. Also ein halbes Jahr ist oft so.
00:12:42: Roland: Bei uns war es ein halbes Jahr.
00:12:43: Sabine: Oder ein Jahr, maximal zwei Jahre. Also zwei Jahre sind schon wirklich die Spitzenreiter. Das ist eigentlich selten. Halbes Jahr bis Jahr.
00:12:52: Roland: Weißt du, woran man es auch merkt? Bei unseren Imago-Workshops sitzen dann manchmal Paare, die sind erst eineinhalb Jahre zusammen und sagen, ja, wir sind da, weil wir wollen nicht noch einmal scheitern oder unsere Eltern sind gescheitert, wir wollen nicht scheitern. Und dann fragen wir sie nach Frustration. Die schauen uns an, wie würden wir vom Mond kommen. Was heißt Frustration? Das ist alles gut. Und dann daran merkst du, dass sie noch in der Verliebtheitsphase sind. Die beste Freundin und Freund, der versucht zu warnen, hat eigentlich keine Chance, weil die Freundin und Freund hat diese rosa Brille nicht auf. Was wir euch vermitteln wollen, dass es darum geht, ein Bewusstsein zu entwickeln, dass es eben genauso wie die rosa Brille gibt, eine graue, manchmal dunkelgraue, manchmal ist es schon fast schwarz.
00:13:39: Sabine: Ja, und da ist man dann unzufrieden, dann kritisiert den Partner, die Partnerin. Man kritisiert sich selber auch und ist mit sich auch unzufrieden. Ja, wieso habe ich das nicht früher gesehen? Wieso wusste ich das nicht? Das hätte ich ja gleich wissen können. Es ist ja schon wieder die gleiche Soße. Also man kritisiert sich selber auch.
00:13:56: Roland: Wo man zuerst die beste Version von sich selbst...
00:13:59: Sabine: Plötzlich wird man eine schlechtere Version von sich selbst.
00:14:01: Roland: Und der Partner denkt sich, was ist jetzt? Und da man ja auch weiß, dass man selber was dazu beigetragen hat, zumindest unbewusst spürt man das und man sich dann so schämt, dass man auch diese tolle Verbindung verloren hat, macht man was am besten?
00:14:18: Sabine: Flüchten, flüchten, schnell weg.
00:14:20: Roland: Oder Vorwürfe.
00:14:22: Sabine: Vorwürfe machen, kritisieren.
00:14:23: Roland: Oder am besten gar nicht drüber sprechen.
00:14:25: Sabine: Oder man findet sich damit ab und schweigt und denkt sich, hat eh keinen Sinn, bringt eh nix. Nachdem man ein paar Streits gehabt hat, geht eh nicht, man findet sich damit ab. Wenn man z.B. flüchtet und das Weite sucht, es kann jetzt sein, dass man räumlich das Weite sucht oder halt auch ein bisschen zeitlich Abstand lässt.
00:14:46: Roland: Da ist ja die Fantasie, die erste rosa Brille zurückkommt.
00:14:49: Sabine: Nein, nein, nein, die kommt dann nicht, sondern man grummelt dann vor sich hin.
00:14:53: Roland: Das heißt, die graue Brille wird dann noch...
00:14:55: Sabine: Und erzählt sich selber, das ist jetzt passiert und das hat er gemacht, das hat sie gemacht und das war schon wieder so. Und dann kommt das, das ist ja immer so und alles und nur und nie. Und das Ganze, das, was einen stört, was man kritisiert, was einen vielleicht auch kränkt. Es hat ja meist mit Kränkungen zu tun, mit Verletzungen. Und das wird dann überdimensional gesehen. Und das andere sieht man dann gar nicht mehr oder gar nicht mehr, ist vielleicht jetzt übertrieben. Aber der Fokus verändert sich auf das, was nicht so gut läuft. Und indem man es aber mit sich selber versucht auszumachen, es wird dann nicht besser, sondern dieses Graue wird dann eigentlich mehr, indem man sich selber diese Grau-in-Grau-Geschichte erzählt.
00:15:40: Roland: Das Schlimme ist, wenn dann die Freundin oder Freund, der ihr in der Verliebtheitsphase gewarnt hat, zu sagen, ich habe es dir eh immer schon gesagt. Sehr angenehm. Das hilft ja gar nichts, sondern im Gegenteil, das schürt das Ganze noch anstatt, und das kann ich dann manchmal auch nicht, oder früher konnte ich es vor allem nicht, zu sagen, okay, ihr hattet die so quasi die rosa Brille. Jetzt ist die graue Brille was.
00:16:07: Sabine: Was tun? Das ist die Frage. Was tun? Ja, am besten, man geht wieder näher hin und schaut, ob man die Brille ein bisschen putzen kann. Vielleicht kann man sich eine durchsichtige Brille aufsetzen, eine, die einem klaren Blick verschärft. Und wirklich hinschauen und sagen, ja, es gibt das Helle, das Schöne, was ich in der Verliebtheit gesehen habe. Das ist ja auch noch da. Das merkt man ja daran, dass wenn die Menschen zu uns kommen und wir stellen diese Frage, dann ist es ja innerhalb von Minuten da. Die schauen sich an. Wir fragen sie, was hat euch fasziniert? Und dann wissen sie es ja auch. Das heißt, das ist ja nicht weg.
00:16:44: Roland: Weißt du, was spannend ist? Die Paare, auch wir, da sitzen dann auch Männer, die sagen, ich habe schon lange nicht geweint. Die weinen dann. Weißt du, warum das ist? Weil sie dann merken, wie lange dieser Zustand, dieser wirklichen Verbindung nicht mehr da war. Das heißt, ich muss in dem Moment, wo ich spüre, da bist du, jetzt spüren wir uns wieder, dann kommen diese Tränen des Bedauerns, des Trauerns. Wie lange haben wir da jetzt auch wertvolle Lebenszeit verloren? Und diese Trauer musst du erst einmal spüren und aushalten.
00:17:23: Sabine: Was glaubst du, wenn du dann noch die Hände dir reichst oder dich umarmst, dann spürst du es ja noch mehr. Ich weiß noch, wie wir damals, wir hatten ja am Anfang sehr oft, wir sind getrennt und es geht nicht mehr. Ich rede jetzt von mir. Ich auch. Ich wollte da nicht mehr. Ich bin davongerannt und habe mir erzählt, wie schrecklich du bist und wo du mich überall gekränkt hast oder mich nicht wahrgenommen hast und so weiter. Hat mich nicht beachtet und hat mich nicht wahrgenommen. Man ist so unaufmerksam und immer so schnell.
00:17:49: Roland: Du wurdest auch von manchen von außen bestätigt.
00:17:52: Sabine: Ich wurde damit auch bestätigt. Ich habe es auch erzählt, was du alles gemacht hast, und die beste Freundin bestätigt hast und sagt, ja, ist wirklich arg. Dann sind wir, dann haben wir uns getroffen. Dann haben wir uns getroffen und dann habe ich dich gesehen. Dann war es schon anders. Dann habe ich dich gespürt. Und spätestens dann, wenn wir uns umarmt haben, habe ich gewusst, ich will dahin, ich will, ich will hier sein bei dir.
00:18:15: Roland: Ich finde es schön, wie du das beschreibst. Ich kann mich gar nicht mehr so genau erinnern, aber ich kenne schon diesen magischen Moment, wenn man sich dazu auch mutig entscheidet, wieder wirklich hinzuschauen. Weil wie gesagt, alle die Menschen, die sehen, haben ja das Glück, dann vielleicht in den Augen nicht nur den grauen Schleif zu sehen.
00:18:38: Sabine: Und vielleicht auch eher das Spüren, eben auch mit den Händen, mit dem Körper zu spüren und dann zu spüren, da gibt es eine enorme Anziehung und Sehnsucht. Habe ich das vorher schon erwähnt? Ich habe gesagt, glaube ich, vorher, dass man diese Sehnsucht dann auch spürt oder sieht. Die Paare, die da zu uns kommen, wenn wir dann fragen, was ist denn die Sehnsucht? Dann geht es meistens um diese Verbindung, um diese Nähe, um dieses sich verstanden fühlen, sich geborgen fühlen. Das ist dann so ein starker, so wie ein Magnet, eine Anziehungskraft, wie man so schön sagt.
00:19:15: Roland: In der grauen Brille ist es eher wie zwei Pluspole zueinander, die sich aneinander wegtreiben. Und da ist dann dieses Plus Minus Yin Yang wieder spürbar. Allerdings, wenn du spürst, Sabine, wenn du spürst, ist der Fall zurück noch schlimmer. Wenn du dich ständig in der grauen Brille bewegst, mit der grauen Brille, dann kann einem nicht mehr viel wehtun. Dann ist es so.
00:19:46: Sabine: Genau, die andere Person ist ja eh nicht so toll.
00:19:48: Roland: Wenn du dann wieder diese Verbindung spürst, ist es umso schlimmer. Das erleben wir oft auch, wenn Paare zu uns kommen, die sagen, ja, danke, jetzt haben wir wieder eine Verbindung gefunden. Und bei der nächsten Sitzung sagen sie, ja, es hat ein paar Tage gehalten. Dann war es wieder genauso. Und das war eigentlich noch viel schlimmer. Ich lasse es jetzt überhaupt bleiben.
00:20:09: Sabine: Ja, und was halt schlimm ist, wenn jemand, wenn sich ein Paar dann wirklich trennt und du hast es immer noch mit der Brille.
00:20:16: Roland: Ja, die nimmst du mit.
00:20:17: Sabine: Dann hast du das.
00:20:18: Roland: Ich lasse es nicht in der Altersgruppe.
00:20:19: Sabine: Den Kindern macht das auch was.
00:20:21: Roland: Natürlich.
00:20:21: Sabine: Das wirkt sich halt auf die Kinder auch ziemlich aus. Es gibt so viele Paare, die zu uns kommen und sagen, ich will nicht, dass unsere Kinder darunter leiden. Auf keinen Fall. Das glaube ich den Paaren auch. Das ist ja hundertprozentig. Und in einem unachtsamen Moment, in einem Moment der Schwäche oder der vielleicht, wo man in Rage ist oder so emotional ist.
00:20:41: Roland: Wenn man die graue Brille aufhat.
00:20:42: Sabine: Sagt man dann, sagt man was Abwertendes über den Ex-Partner. Das ist dann oder Partnerin, Papa oder Mama von meinem Kind. Und dann sage ich so etwas. Und das schwuppst mir raus, obwohl ich es eigentlich nicht wollte. Und die Kinder kriegen das natürlich mit.
00:20:57: Roland: Und am schlimmsten ist dann, wenn man zur Tochter oder so sagt, da bist du jetzt wie der Papa oder wie die Mama. Und der Sohn oder Tochter hat ja gespeichert, diese Zuschreibung ist negativ, ist ja eine Kritik. Und dann, ohne dass du es willst, hast du deine Tochter und deinen Sohn dann auch gleich mit entwertet.
00:21:20: Sabine: Es ist ja kein freudiges Ah, du bist so wie der Papa, du bist so wie die Mama. Es ist, was wir meinen, ist ja dieses mit dem Subtext, dass mir das nicht gefällt, dass ich das nicht mag und dass ich das kritisiere.
00:21:32: Roland: Und damit gebe ich es in die nächste Generation. Anstatt zu sagen Ja, Mama und Papa, wir streiten manchmal. Wir haben da so eine graue Brille und wir nehmen Verantwortung. Wir nehmen auch ein Stück Risiko. Das sind dann die Paare, die dann auch sagen, sie machen zum Beispiel so wie in der Imago-Methode Dialoge oder wir lassen uns auch begleiten oder stellen gewisse Dinge einmal beiseite und schauen, wie wir wieder in eine Verbindung kommen, dass auch die schwierigen Themen besprochen werden können. Also das Wesentliche ist eigentlich zu sagen, es geht um Bewusstsein und nicht sich von der, wie in der Verliebtheit von der Rosa-Brille sozusagen täuschen zu lassen.
00:22:20: Sabine: Auch nicht von der Grauen sich täuschen zu lassen und auch mir selber gegenüber, auch mir selber milder gegenüber zu sein und und so ein bisschen ein Mittelding zu finden, wo ich sage Ja, mit klarem Blick. Es gibt es gibt Kritik und ich habe das vielleicht auch nicht sehen wollen damals. Ja, so ist es nun mal, wenn man verliebt ist und da eben nicht sich selbst auch zu geißeln, weil diese Selbstgeißelung macht natürlich ganz viel Dynamik. Bevor ich mich selber geißle, ist es noch immer besser, den anderen abzuwerten und runterzumachen.
00:22:51: Roland: Ich erinnere mich gerade an dieses Paar, wo er damals gesagt hat, bei mir im Margo Workshop hat er gesagt Ich war nicht nur in meiner Verliebtheit unter einer Droge, sondern auch in meinem Wunsch nach Trennung, weil eben in dem einen Mal hat er die Rosa-Brille angehabt und beim anderen die Dunkelgraue. Und das heißt, was geben wir unseren Hörerinnen und Hörern mit?
00:23:15: Sabine: Heißt, das war wie Super, wenn ich jetzt weg bin, wenn ich getrennt bin, dann ist alles wieder gut, weil es liegt ja alles nur an der anderen Person. Und sich das einzureden, ist natürlich auch nicht die Realität.
00:23:26: Roland: Also was wir euch mitgeben wollen, ist ein Bewusstsein zu schaffen, zu entwickeln. Ja, es gibt, was wir beide in der Beziehung dazu beitragen, dass manchmal die graue Brille überhandnimmt. Und das eine war, was wir euch erzählt haben, auch mit diesen Gegensätzen, die wir am Anfang so toll gefunden haben, die man dann später bekämpft. Allerdings geht es uns prinzipiell darum, dass wir alle das wissen, dass es diese rosa Brille gibt und graue Brille gibt. Und das wissen wir auch, wenn wir Nachrichten hören und das sind von den Nachrichten neuen katastrophale und die Tinte ist auch unangenehm, aber dann wird die graue Brille stärker.
00:24:13: Sabine: Nachrichten schaffen wir ja nicht in die Nachrichtensendung, leider.
00:24:16: Roland: Informiert zu sein und zu sagen, ich höre mir das gar nicht an, schafft auch ein gewisses Bild, dass vielleicht dann eine, ich will nicht sagen rosa Brille entwickelt, aber eine Brille, die die dann auch nicht wirklich hinschaut. Und so ist es auch wichtig, dass du, wenn du gerade in einer Beziehung lebst, schaust, wo nehme ich denn manchmal die graue Brille zur Hand? Oder umgekehrt, wann wäre es wichtig, dass ich sage, klare Sicht, klar hinschauen, klare Sicht.
00:24:46: Sabine: Auch zu wissen, die Realität ist nun mal, es gibt keine perfekten Menschen. Es gibt kein perfektes Leben. Es gibt auch nicht den perfekten Partner oder Partnerin.
00:24:55: Roland: Für dich auch nicht perfekt.
00:24:56: Sabine: Perfekte Partnerschaft gibt es nicht, wäre auch ein bisschen langweilig. Es gibt nun mal die Auf und Abs, es gibt die hellen und die dunklen Zeiten und auch milder zu sein und zu sagen, ja, ich bin ein Mensch und ich habe auch meine komischen Seiten oder anstrengend, aber ich bin okay und mein Gegenüber ist auch okay. Und jetzt wollte ich noch eines sagen, ich habe versprochen, ich sage noch etwas zu der rosa Brille. Die sollte irgendwo auf einem Regal liegen, griffbereit. Und sie liegt bei den meisten Paaren auch. Bei den Paaren, die glücklich und zufrieden sind miteinander, gibt es das immer wieder, dass man diesen Blick sieht, wo einer den anderen bewundernd auch anschaut und sagt, wow, toll. Also ich weiß nur, du sagst mir das manchmal, wenn wir auf dem Seminar zum Beispiel sind und ich halte einen Vortrag, sagst du mir dann manchmal oder oft eigentlich nachher, wow, super, das war jetzt toll, jetzt habe ich dich so richtig, jetzt war ich so richtig stolz auf dich, jetzt habe ich dich so richtig bewundert. Und umgekehrt, ich bewundere dich dann auch, wenn du dann deine Schmähs machst und die Sachen so gut erklärst und mit dieser Leidenschaft, mit der du dabei bist, da bewundere ich dich. Und dann denke ich mir, boah, jetzt hat er das weiße Hemd an. So fesch, mein Mann. Also ich habe die rosa Brille auch manchmal auf und du auch. Und das ist auch gut so, weil ich finde es auch wichtig, dass du auch ab und zu den Partner bewunderst, weil wir haben ja auch uns ausgesucht, weil wir auch auch fasziniert sind voneinander.
00:26:23: Roland: Ich habe mich gerade erinnert an gestern. Da war so ein Moment, wo ich das Gefühl hatte, ich habe jetzt wirklich einen klaren Blick auf dich und mich. Und das war auch so, es war mit Liebe und auch so, es hat so was, es ist irgendwas abgefallen, weil wenn ich da so die graue Brille habe und dich dann anders will, weil nur so kann ich dich lieben, das ist ja auch anstrengend. Und in dem Moment habe ich dich wirklich gesehen. Es war zwar dann gleich wieder auch vorbei, aber es war weder die rosa Brille noch die graue Brille, sondern da war so ein Moment, ja, das bist du, das bin ich. Und so schön, wie wir verbunden sind mit allem, was dazugehört, weil das Laufband des Lebens bringt dir ja ständig die nächste Herausforderung, sowohl in der Beziehung als auch mit Kindern, Enkelkindern, Beruf, mit existenziellen Fragen und so weiter, gesundheitliche, finanzielle. Und das fördert ja dann auch wieder vielleicht in der Paarbeziehung die graue Brille. Also wir hoffen, liebe Hören, lieber Hörer, du hast so ein bisschen ein Gefühl bekommen, was wir meinen, da mit Bewusstheit zu steuern, welche Brille du nimmst, weil du entscheidest mit, du bist ein Teil dieser Beziehung. Und wenn du die graue Brille nicht absetzen willst, ist es wichtig, dass du dafür auch Verantwortung übernimmst. Und gleichzeitig, es ist ein Versuch wert.
00:27:56: Sabine: Und man darf sich aber auch Hilfestellungen holen. Ich sage gerade, ein Trick von mir ist, und den hast du, glaube ich, auch, dass wir uns dann manchmal eine coole Musik aufdrehen und dann ist sofort, hebt sich die Stimmung oder sich zu bewegen oder wir bewegen uns an der frischen Luft und das hilft uns dann auch. Und plötzlich nach so einem schönen Winterspaziergang oder einer sportlichen Aktivität ist die Welt in Ordnung. Und ich habe dann mehr in Ordnung. Ja, aber die Welt ist wieder viel mehr in Ordnung. Ich sehe auch, wofür ich dankbar bin. Ich spüre das auf, genau. Und sich um das zu kümmern, anstatt sich in das andere hineinzuvergraben.
00:28:34: Roland: Wir wollten euch auch vermitteln, ihr seid nicht alleine damit. Auch wenn du vielleicht gerade in keiner Beziehung lebst, du weißt ja, wie es war und wo du wieder hinwillst. Vielleicht spürst du dich dann. Ah, jetzt bin ich mit der rosa Brille unterwegs, weil ich mich gerade verliebe. Wir wollten euch auch vermitteln, dass es gut ist, wenn wir uns in dieser grauen Brille bewegen, es uns nicht aneinander vorwerfen, sondern uns auch vielleicht verbünden können, vielleicht ohne vielleicht verbünden, nämlich sowohl in der Beziehung als auch mit Freunden, Geschwistern. Allerdings dann ist auch wichtig, es auszuhalten, wenn sich eine neue Geschichte entwickelt und du dir etwas Neues erzählen musst und nicht bei deinen Beliefs, bei deinen Glaubenssätzen bleibst, sondern bereit bist, wirklich bereit bist, hinzuschauen und Verantwortung für dich selbst zu übernehmen und zu sagen Ja, jetzt keine graue Brille, keine rosa Brille. Schauen wir uns wirklich in die Augen und sind wir bereit, einen nächsten Schritt zu tun.
00:29:37: Sabine: Ja, alles Gute dafür, alles Liebe und bleibt dran und macht es gemeinsam.
Neuer Kommentar