Diagnosen zur freien Entnahme

Shownotes

Mit Diagnosen ist es wie mit vielem im Leben und in Beziehungen, wissen Dr. Sabine und Roland Bösel aus der paartherapeutischen Arbeit mit mehreren tausend Paaren: Diagnosen können Fluch und Segen zugleich sein.

Entdecke in diesem Podcast, wie sich die Dreiecksbeziehung „Du, ich & die Diagnose“ auf Partnerschaften auswirkt, wann Diagnosen entlasten und orientieren und wann sie uns und unsere Beziehungen einfach nur blockieren.

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Produktion: Umsetzerei Wien

Transkript anzeigen

00:00:08: Sabine: Herzlich willkommen zu unserem Podcast Liebesdoppel.

00:00:11: Roland: Der Podcast fürs Zwischenmenschliche.

00:00:14: Sabine: Hier sind die Bösels, mein Name ist Sabine Bösel.

00:00:17: Roland: Mein Name ist Roland Bösel und heute wollen wir uns ein bisschen mit euch austauschen über das Thema Diagnosen.

00:00:29: Sabine: Und wir arbeiten seit 35 Jahren mit Paaren hier im 8. Bezirk im TZ 8 und sind wirklich schon viele Paare bei uns ein- und ausgegangen und was wir bemerken die letzten Jahre, dass Diagnosen ziemlich im Trend liegen. Es ist eigentlich ein Phänomen der letzten Jahre, dass wir öfter was von Diagnosen hören, manchmal Diagnosen über sich selbst, aber was wir viel häufiger hören, Diagnosen über den anderen, über die Partnerin oder den Partner.

00:00:56: Roland: Ja, ich freue mich auch, dass ich wieder dabei bin mit dir, liebe Sabine. Es ist einer meiner Lieblingsthemen, über Diagnosen zu sprechen. Ich muss nur dazu sagen, für die, die uns vielleicht auch von woanders zu hören, 8. Bezirk heißt, wir sind hier im wunderschönen Wien und leben hier als Paar schon fast 50 Jahre. Ja, so wie du gerade gesagt hast, ist es wirklich ein Phänomen und man ist schon irgendwie arm dran, wenn man nicht wirklich eine Diagnose hat, bemerke ich.

00:01:27: Sabine: Ja, was also sehr häufig ist, was sehr im Trend ist, ist ADHS oder Autismus-Spektrum, das hören wir auch.

00:01:35: Roland: Neurodivergenz haben wir auch.

00:01:37: Sabine: Ja, dass die Beziehung toxisch ist, das hören wir auch, dass jemand traumatisiert ist, was auch sehr in ist zu sagen, das triggert mich. Und Trigger ist schon ein Fachausdruck, oft wird er für etwas verwendet, was eine Kleinigkeit ist, wo man früher gesagt hätte, das geht mir am Nerv, sagt man jetzt, das triggert mich. Hört sich auch irgendwie gescheiter an.

00:02:00: Roland: Aber Sabine, mit unserem Alter müssen wir vorsichtig sein, dass wir nicht so gescheiter herreden.

00:02:06: Sabine: Früher war es besser.

00:02:07: Roland: Wir wollten das als Junge auch nicht hören und ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man mal sagt, Diagnosen hat was sehr Wichtiges und Heilsames. Also ich denke nur an meine Geschichte, du erinnerst dich, ich hatte mal eine Geschichte, wo ich eine Blutung hatte, wo nicht klar war, wo die herkommt und ich habe Monate, ja, ich war in Angst und Schrecken, weil nicht klar war, wo das herkommt und die Diagnose war dann eine große Erleichterung.

00:02:38: Sabine: Ja, das stimmt.

00:02:39: Roland: Also Diagnosen per se zu sagen, das ist nichts, das kann nichts, das bringt nichts.

00:02:45: Sabine: Diagnose hilft einem etwas einzuordnen. Natürlich auch, du brauchst zuerst einmal die Diagnose, dass du weißt, was gibt es für Therapie, was kann man dagegen machen, wenn man nicht weiß, wo das herkommt. Bei dir war das mit dieser Blutung, da wurde gesucht. Ich habe ein einziges Mal im Internet nachgeschaut, dann ist mir gleich alles ganz anders geworden und da haben wir gedacht, nein, ich schaue lieber nicht nach.

00:03:06: Roland: Bei mir damals.

00:03:07: Sabine: Ja, weil es sind dann grusige Sachen, es gibt ganz furchtbare Krankheiten und ich habe mir gedacht, na, ich schaue da jetzt lieber nicht nach, ich mache das jetzt wieder zu.

00:03:16: Roland: Also was wir sagen wollen ist, Diagnose kann sehr hilfreich sein, es öffnet einem dann auch gewisse Wege, vielleicht zahlt eine Krankenkasse etwas, eine Gesundheitskasse, weil bei dieser Diagnose es gut ist, auch Unterstützung zu erfahren. Ich bekomme Zugang zu Medikamenten und vor allem kann ich irgendwann einmal auch verstehen, warum ich mich manchmal so fühle oder diesen Schmerz empfinde. Das heißt, ich kann es einordnen. Also das heißt, Diagnosen haben einen sehr wichtigen Teil in unserem Gesundheitswesen und dafür gehört die Diagnose auch wertgeschätzt. Du hast ja letztens einen so tollen Artikel aus der Zeit mitgebracht, das hat mich sehr berührt, weil ja darüber geforscht wurde, was mit den Diagnosen passiert.

00:04:08: Sabine: Das hat mich sehr fasziniert, die Lucy Fox hat eben etwas untersucht bei jungen Menschen, eine Psychologin genau, die hat untersucht, was es macht, nämlich über Social Media, vor allem das jetzt, wo junge Leute sehr viel unterwegs sind und sich sehr viel Informationen holen und das kann natürlich auch sehr entlastend sein, wenn man weiß, aha, ich habe ADHS.

00:04:31: Roland: Ja, aber Sabine, da sind, um es jetzt einmal etwas vorsichtiger zu sagen, auch viele Selbsternannte dabei. Das ist so, also ich traue mir über viele Dinge nicht reden, ich traue mich über Paartherapie reden, ich traue mich über Generationsbeziehung reden, Geschwisterbeziehung, aber dann, also wir machen ja schon seit gut 15 Jahren keine Einzeltherapien mehr, also ich mische mich da gar nicht mehr ein, weil da hat sich so viel weiterentwickelt, da bin ich auch ein Stück zurückhaltend, aber sie schreibt ja, wie hast du gesagt?

00:05:03: Sabine: Ja, das hat einen sehr komplizierten Namen, sie sagt Prävalenz-Inflationshypothese, das ist ihre Hypothese, die sie aufgibt, ein komplizierter Name, was damit gemeint ist, dass die Zahl der psychiatrischen Diagnosen zunimmt, dass das irgendwie künstlich aufgeblasen wurde, weil junge Menschen, wenn sie sich nicht wohlfühlen, eben es geht wirklich mehr um die Jungen, wenn sie sich nicht wohlfühlen, wenn sie sind nicht super happy und das reicht ja schon, dass man dann im Internet herumschaut und surft und dann findet man irgendwas, was dann auf dich passt, auf deine Stimmungslage, auf deine, ja, dass du irgendwie, zum Beispiel, man ist irgendwie unkonzentriert zerfledert, hat 15.000 Sachen im Schädel und dann ist schnell einmal ADHS da, was aber auch stimmen kann oder auch nicht.

00:05:48: Roland: Das erinnert mich an ein Paar und ich möchte an der Stelle für alle, die zuhören, sagen, wenn wir was von anderen Paaren erzählen dürfen, wir darüber ziehen, sind autorisiert und wir verändern die Geschichte auch ein bisschen wieder, aber es erinnert mich an ein junges Paar, die dann fast einen Streit darüber gehabt haben, weil nur die Abwesenheit von irgendwelchen Symptomen ist ein Zeichen von Gesundheit. Das heißt, wenn irgendwas zwickt, wehtut und das dann auch in der Paarbeziehung, wenn es nicht rund ist, wenn wir uns nicht gut verstehen, dann müssen wir uns trennen. Das heißt, dieses Chanchieren, auch zu jonglieren mit den Themen und mit, auch wenn man so will, mit den Diagnosen, weil wir werden wahrscheinlich oft im Leben nicht nur eine Diagnose haben, sondern mehrere, damit umzugehen und da bin ich gleich bei einem schönen Bild, das habe ich einmal bei einem Vortrag gehört und das gefällt mir sehr gut, dass wir Menschen nicht nur eine Seite haben. Genau, da Gunter Schmidt hat darüber gesprochen, dass wir nicht nur eine Seite haben, sondern verschiedene Seiten und es kann jetzt, also eine Seite von mir ist zum Beispiel, dass ich sehr, sehr engagiert bin. Eine andere Seite von mir ist aber auch, dass ich manchmal, wenn ich so ins Träumen komme, so Negativgedanken habe. Das ist eine andere Seite von mir. Eine andere Seite von mir ist wieder, dass ich mich sportlich interessiere. Eine andere ist wieder auch, dass ich selber Sport betreibe etc. Und jede Seite meiner Persönlichkeit hat die Chance und die Möglichkeit auch eine Diagnose zu haben.

00:07:26: Sabine: Man könnte dir einen Stempel aufgeben, dass du so und so bist.

00:07:31: Roland: Ich bin nicht der Roland, der jetzt depressiv ist. Es gibt verschiedene Seiten. Ja, es gibt eine Seite in mir, die hat, ich würde schon sagen, die ist dunkel. Meine Großmutter, väterlicherseits, die war ja immer schwarz angezogen und hat, als ich ein Kind war, ständig gesagt, ich will sterben, ich will sterben. Das heißt, in meinen ersten Lebensjahren habe ich ganz viel über Tod erfahren. Diese Seite kann in mir auch abgerufen werden und wenn man will, kann man da auch sagen, die ist eine schwermütige Seite.

00:08:02: Sabine: Vielleicht könnte ich dir aber den Stempel jetzt verpassen. Du bist depressiv. Dann schaue ich in den sozialen Medien, dann schaue ich ein paar Sachen. Das hat mein Mann auch, das hat er auch, das hat er auch, das macht er ja auch. Ah, wenn jemand sehr grantig ist, das nennt man dann dysphorisch und das ist er auch manchmal und deswegen ist er sicher, hat er sicher eine waschechte Depression und was jetzt immer beim Nachteil von den Diagnosen, das wollte ich jetzt wirklich in aller Deutlichkeit sagen, wenn es dann festgeschrieben ist, Stempel drauf und es ist so und ab in die Schublade und wenn es dann nicht mehr dynamisch ist, das ist der große Haken an den Diagnosen, dass du dann entweder dich selber abstempelst und dich in die Schublade begibst oder eben den anderen. Was ist dann mit der Dynamik, was ist dann mit der Entwicklung, mit der Bewegung? Das Leben ist ja etwas Fließendes und dann ist es plötzlich statisch und das ist der Nachteil, wenn du Diagnose hast. Aber Vorteile gibt es eben auch, haben wir eh auch gerade gesagt.

00:09:00: Roland: Und vor allem, wollte gerade sagen, für die, die uns zuhören, vielleicht ist jemand gerade einmal draufgekommen, ja ich habe mir deine Partner, Partnerin ausgesucht mit, ja doch gröberen Zügen Richtung Depression und ich frage mich manchmal, warum fühle ich mich so heruntergezogen und denke, ah jetzt hat endlich, jetzt gibt es einmal auch eine Diagnose, dass ich das ein bisschen einordnen kann. Warum bin ich manchmal so und so, warum fühle ich mich so und so, wenn die andere, der andere so ist. Das ist so wichtig, dass wir dann nicht hineinkippen zu sagen, ah die Diagnose ist etwas Schlechtes, sondern wie gehen wir mit Diagnosen um? Ist es zu inflationär oder spielen wir es auch runter? Und ich glaube, da ist wichtig, dass wir Aufmerksamkeit hinlegen, und wir wollen euch auch erzählen, die uns alle zuhören, wir haben Zeiten gehabt, wie lang wird das her sein, so mindestens vor 20 Jahren, haben wir dann im Streit uns auch Dinge zugeschrieben und haben gesagt, ja du bist so depressiv und du bist so zwanghaft.

00:10:03: Sabine: Zwanghaft, genau.

00:10:04: Roland: Wobei, das habe ich nicht gesagt, das hast dann du zu mir gesagt.

00:10:07: Sabine: Ja, aber zu mir könnte man es auch sagen, jetzt muss ich.

00:10:10: Roland: Du und zwänglich.

00:10:11: Sabine: Naja doch, jetzt muss ich was gestehen. Nein, ich möchte was erzählen, eine Kleinigkeit von mir. Ihr kennt sicher alle den Monk, das ist eine köstliche Serie gewesen. Der Monk ist so ein Detektiv, der halt sehr schlau ist, aber halt sehr zwänglich ist. Und ich zum Beispiel, wenn ich in den kleinen Therapieraum gehe, da liegt so ein Teppich und da stehen die zwei Stühle drauf, wo das Paar dann Platz nimmt, zwei blaue Stühle. Und wenn das aber nicht, wenn das nicht im rechten Winkel ist, zu der Bank, die dahintersteht, also zu der Wand, dann stört mich das. Und dann muss ich das zurechtrücken.

00:10:49: Roland: Aber das ist mir fast...

00:10:50: Sabine: Ist das schon zwänglich? Habe ich da schon eine Diagnose oder ist das nur eine Marotte?

00:10:54: Roland: Ich würde es eher eine Marotte jetzt nennen. Und ich muss gestehen, mir ist das sogar diese Marotte angenehm, weil die stehen wirklich, jetzt fällt es mir auf, die stehen wirklich oft, weil für die, die uns nicht kennen, wir arbeiten oft im selben Raum, manchmal die Sabine genau so...

00:11:11: Sabine: Wenn ich den Raum verlasse, dann steht es ganz schön dort im rechten Winkel. Was ich noch für eine Marotte habe und das geht hier dann manchmal auf die Nerven, ich sage es jetzt als Marotte, ich kann auch, man könnte auch sagen, ich habe eine Zwangsstörung, wenn wir eine Gruppe beenden im großen Raum, da steht dann ein Sesselkreis, so ein Oval und das sind die Sesseln und dann brauchen unsere Leute, unsere Teilnehmer brauchen oft auch Taschentücher, weil manchmal wird auch geweint, eigentlich geschnolzt und geweint und dann stehen vielleicht auch noch ein paar Gläser herum, weil jemand sich ein Wasser mitgenommen hat und dann, bevor ich zur nächsten Veranstaltung gehe, muss ich das irgendwie wegräumen. Ich räume es weg, so muss ich es machen, ich räume es dann gerne weg.

00:11:56: Roland: Das wüsstet ihr schon mit der Diagnose?

00:11:58: Sabine: Ja, aber du sagst dann, bitte hör auf, wir haben einen Termin, du könntest bitte gehen.

00:12:02: Roland: Nein, ich möchte mit dir einen schönen Abend haben.

00:12:03: Sabine: Genau, das fällt mir aber schwer, loszulassen.

00:12:05: Roland: Du findest ja immer wieder noch etwas.

00:12:08: Sabine: Da könnte man jetzt sagen, ich habe eine wahrschichtige Zwangsstörung, oder man sagt, dieser Pines ist ordentlich, oder man sagt, sie hat ein bisschen eine Marotte. Zwischen dem pendelt es dann hin und her.

00:12:17: Roland: Ja, deswegen, viele Diagnosen, gerade im psychiatrischen Bereich, haben ja auch eine qualitative Seite. Also zum Beispiel, wenn ich jemandem sage, ich habe sicher etwas Zwängliches, das hat ja auch Vorteile, weil ich zum Beispiel dann etwas fertig mache. Wenn ich allerdings, der Zwang mich nicht mehr auslässt, und ich ständig im Zwang bin, dann wird es für mich und auch die Menschen, die mit mir leben, unangenehm. Und da sind wir jetzt bei etwas, für alle, die gerade in einer Beziehung leben, oder wenn du dich zurückerinnerst an deine letzte Beziehung, oder wenn du dich wieder nach einer Beziehung siehst, die Frage ist, ist die Diagnose dann ein Teil des Ganzen, oder wird es zur Waffe, oder letztens, kann ich mich erinnern...

00:13:07: Sabine: Dann wird es nämlich gefährlich, wenn es als Waffe verwendet wird. Genau. Und davon würden wir dringend abraten.

00:13:12: Roland: Ja, letztens kommt ein Paar, und dann sagt der Mann zu mir, und ich habe wirklich gefragt, darf ich das erzählen, und ich sage ja eh keinen Namen. Dann sagt der Mann, ja, ich mache jetzt parallel auch eine Einzeltherapie. Und meine Einzeltherapeutin hat gesagt, ihre Frau ist eine Borderlinerin, vielleicht auch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Ganz abgesehen davon, dass diese Diagnosen neue Ausrichtungen gefunden haben. Das war interessant, weil die Frau ist dann dagesessen wie ein... Wie ein großer Pudel. Ja, so ganz wund. Und sie hat dann gesagt, ja, ich weiß das gar nicht, und ja, ich habe mir eh schon einen Termin beim Psychiater ausgemacht, aber ich habe irgendwie das Gefühl, ich verunmögliche so viel. Also sie war voller Schuldgefühle, voller Schuldgefühle, und dem Mann hat es dann auch ein bisschen leid getan. Aber er glaubt natürlich auch seiner Einzeltherapeutin und sagt, was die sagt. Das heißt, wir alle, auch wir, sind aufgerufen mit so Diagnosen oder auch Prognosen. Die gehören nämlich auch dazu.

00:14:19: Sabine: Die Einzeltherapeutin von wem hat das jetzt festgestellt?

00:14:21: Roland: Na, was ich gesagt habe, von dem Mann, der ist in einer Einzeltherapie.

00:14:25: Sabine: Die hat eine Ferndiagnose gestellt.

00:14:27: Roland: Ja, genau. Und Sabine, wie oft passiert uns das? Ist es relativ oft? Oder das müsstest du ihr erzählen? Meistens sind es ja zwei Drittel Frauen, die dann sagen, ja, mein Mann hat ja diese... Das musst du sagen.

00:14:40: Sabine: Naja, mein Mann hat eine narzisstische Störung. Das hören wir ziemlich oft. Oder wir haben eine toxische Beziehung und er muss in Therapie gehen. Und dann geht es uns beiden wieder gut. Und das ist eben auch wieder so eine Geschichte, die man wirklich mit Vorsicht genießen muss, weil dann ist praktisch festgeschrieben, hier ist das Problem, der Mann mit der narzisstischen Störung. Oder die Frau. Genauso kann genauso eine Frau sein natürlich. Und hier bin ich und ich bin ja gesund. Und das Problem sitzt da drüben. Wir haben ein Problem und das Problem ist mein Mann, so ungefähr. Wir glauben das nicht. Wir glauben das nicht, weil wir meistens festgestellt haben, dass wenn jemand, wir nennen es den Rucksack, finde ich eine viel schönere Bezeichnung. Der Rucksack ist die Geschichte, die ich schon mittrage, wo auch schwere Steine drin sein können, Schicksale aus meiner Familie. Und unsere Erfahrung ist, dass die Rucksäcke meistens ungefähr gleich schwer sind. Und das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ich glaube, wir sind heute sehr provokant, Roland. Aber ich sage es jetzt trotzdem.

00:15:42: Roland: Warum sind wir provokant? Das möchte ich jetzt gerne wissen.

00:15:45: Sabine: Weil wirklich oft Leute kommen und sagen, ja, meine Frau oder mein Mann hat Riesenprobleme, hat einen großen Rucksack, hat eben die und die Diagnose. Und ich bin ja gesund. Mir geht es ja viel besser. Ja, so drastisch sagen sie es aber nicht. Das vielleicht nicht. Ich bin gesund, aber ich hatte es ja viel leichter. Ich hatte ja eine schöne Kindheit. Und was wir immer wieder feststellen, und das traue ich mich jetzt wirklich zu sagen, weil es meine Erfahrung ist, dass bei näherem Betrachten, wenn du schnell hinschaust, sagst du, aha, da gibt es gescheite, ordentliche Schicksalsschläge, Schwierigkeiten in der Familie. Also wenn jemand sagt, meine Mama ist gestorben, als ich fünf Jahre alt war, können wir uns alle ungefähr ausrechnen, wie schlimm das ist. Wir können es uns nicht vorstellen, aber man kann sich schon denken, dass das eine schwere Geschichte ist.

00:16:32: Roland: Es reicht ja schon, was ich vorher gesagt habe, meine Großmutter. Ich meine, in meinen ersten Lebensjahren die ganze Zeit höre ich nur, ich will sterben, ich will sterben. Und weißt du was Spannendes, ich weiß nicht, ob ich das hier mal, heb dir das kurz auf, das muss ich jetzt sagen. Wir sind aufgeregt heute. Ja, weißt du warum? Weil meine Großmutter war dann kurz vorm Sterben, sie hatte einen Darmverschluss gehabt. Und ich war ein kleiner Bub und bin hingegangen und hab gesagt, Omi, selber Schuld, wolltest immer sterben, jetzt stirbst du. Und alle waren entsetzt. Du hast reagiert.

00:17:02: Sabine: Natürliche Reaktionen des Kindes.

00:17:03: Roland: Ich bin weder der Krankheit noch sonst was irgendwie schockieren lassen, sondern ich habe dann die Wahrheit ausgesprochen. Und wir müssen auch ein Stück die Wahrheit finden, weil jede Geschichte hat zwei Seiten, mindestens.

00:17:17: Sabine: Und wenn wir dann mit diesem Paar arbeiten, ich gehe jetzt wieder zurück, die Frau sagt, mein Mann hat die und die Störung, und ich habe es ja viel leichter gehabt, bei mir war es ja recht schön in meiner Kindheit, das war leicht, auf den zweiten Blick oder auf den dritten, vierten Blick merkt man dann, dass es doch nicht nur so einfach war. Die Person, die scheinbar den leichteren Rucksack hat oder die leichtere Geschichte und so gesund daherkommt, hat vielleicht auch ganz schöne Sachen erlebt, die aber vielleicht um einiges subtiler sind, das wollte ich damit sagen. Die eine Geschichte ist offensichtlich schwierig und die zweite Geschichte ist ein bisschen subtiler, man spürt es vielleicht nicht so und dem kommt man nicht so schnell auf die Schliche.

00:17:59: Roland: Aber tief drinnen, Sabine, und das können wir nach so vielen Paaren, die wir begleitet haben, wirklich sagen, ist doch, dass man sich doch irgendwie ein bisschen schuldig fühlt und sagt, ich habe ja doch auch was dazu beigetragen. Ich nenne das gerne oft die heiße Kartoffel. Das Schuldthema ist wie eine heiße Kartoffel, keiner will sie erhalten und man schubst es sich gegenseitig zu.

00:18:22: Sabine: Du meinst, dass man dann dem anderen die Diagnose zuschubt, dass man sich schuldig fühlt für etwas.

00:18:26: Roland: Was ich auch spannend fand, erst vor kurzem in einer Paartherapie, ich habe ihnen vorgeschlagen, eine Übung bis zur nächsten Sitzung und dann habe ich gefragt, ob sie es gemacht haben und sie hat dann gleich gesagt, ja, ich wollte es ihm machen, aber er wollte wieder nicht. Und dann hat er gesagt, naja, ich habe ja diese Unverträglichkeit und da muss ich kochen und das kostet mir so viel Energie und da brauche ich dann die Zeit. Das heißt, er hat dann diese Krankheit, diese Diagnose, auch wie wir das ja nennen, auch als Ausweg verwendet, um nicht mit ihr zu reden.

00:19:04: Sabine: Das war fast wie ein Schutzschild. Wie ein Schutzschild vor sich hergeschoben. In dem Fall hat er aber darauf beharrt, dass er das hat und dass er da eigentlich leider nicht kann deswegen, weil er die und die Unverträglichkeit hat.

00:19:16: Roland: Ja, der Schutzschild, das verwendet jetzt er, weil er vielleicht auch Angst hat, wie viele von uns, auch wir manchmal, vor Nähe, vor Begegnung, tiefer hinzuschauen, sich das genauer anzuschauen. Deswegen, wenn wir über Diagnose reden, Sabine, ist es ja genauso wichtig, allen, die uns zuhören, zu sagen, auch wir sind ja auch vorsichtig, zu sagen, wird dieses Paar das schaffen? Das ist ja auch schon eine Diagnose. Also die schaffen es oder die schaffen es nicht.

00:19:45: Sabine: Ja, aber damit schreiben wir ja dann auch wieder was fest und das ist ja genau das, was man nicht machen sollte, nämlich man sollte zugestehen, dass das Leben ein Fluss ist, dass das Leben sich weiterentwickelt, dass es eine Bewegung ist und dass es ein Prozess ist auch. Man sollte auch vertrauen dem Prozess des Lebens. Jetzt möchte ich noch einen Artikel zitieren, den fand ich sehr interessant, über ADHS, nämlich, ja, ist eben sehr in, hören wir oft und das war ein sehr interessanter Artikel.

00:20:10: Roland: Auch, weil vor 20 Jahren das oft übersehen wurde.

00:20:13: Sabine: Ja, eben genau, es wurde oft übersehen, was früher war, vor 20 Jahren, dass man es bei den Buben vor allem diagnostiziert hat, weil Buben halt dann sich sehr viel bewegen und eben, die haben diese Aufmerksamkeitsdefizitstörung, das heißt, die können nicht still sitzen, Zappelphilip, ja, haben immer wieder eine andere Aufmerksamkeit und rennen herum im Klassenzimmer und so weiter, können sich nicht gut konzentrieren und das hat man bei Buben viel öfter diagnostiziert als bei Mädchen, weil bei Mädchen, die können sich zwar auch nicht konzentrieren, wenn sie ADHS haben, aber die sind vielleicht dann nicht so motorisch auffällig, darum hat man es bei Mädchen viel weniger diagnostiziert. Das gleiche gilt auch für Frauen und da hat eben diese Frau den Artikel geschrieben und hat geschrieben eben, dass sie diese Diagnose bekommen hat und dass sie jetzt, jetzt bin ich bei der Entlastung, jetzt hat sie verstanden, warum sie sich manchmal so schwer tut, sie tut sich schwer, dass sie sich Termine merkt, dass sie, sie muss das im Kalender eintragen, merken tut sie es nicht, sie verwurstelt es auch oft, ja. Also sie hat viel mehr, oder sie lässt Sachen irgendwo liegen, natürlich passiert das jedem von uns und sie hat es bis jetzt auch nicht so ernst genommen, aber nachdem sie das jetzt gehört hat und es schwarz auf weiß hat, hat sie verstanden, warum sie sich gar so schwer tut, Dinge zu konzentrieren, zu Ende zu führen, was zu machen, weil die Aufmerksamkeitsspanne kürzer ist und für sie war das eine Entlastung und sie weiß sowieso, dass sie dagegen, also sie macht sowieso was dagegen, sie muss dagegen halten, sie hat halt ihre Tricks, wie sie das dann macht, dass sie zum Beispiel die Schlüssel sich dann eben dort und dort hinlegt, damit sie es nicht vergisst, also sie hat ja schon ihre Tricks, wie sie dagegen steuert, aber ihr tut es gut zu hören, aha, da gibt es jetzt wirklich etwas Spezielles, das haben nicht alle Leute, da bin ich jetzt bei der Entlastung und gegensteuern muss sie sowieso und stelle vor, sie hätte das in der Beziehung, dass sie sagt, ich habe halt ADHS, kann mir nichts machen, ich verliere halt alle meine Sachen, da muss ich mir alles nachtragen.

00:22:07: Roland: Ja, das hören wir. Und dann muss der andere ja noch mehr drauflegen. Das andere ist ja auch das Beschwichtigen. Mir fällt jetzt gerade ein, eine Frau, die mit einem Mann zusammenlebt, schon seit vielen Jahren, der seit vielen Jahren auch ein Alkoholthema hat, also wenn sie das nur ein bisschen anspricht, heißt es dann sofort, naja, es ist eh schon viel besser, sagt er dann, oder, nein, das rätst du ja ein und ich habe das eh im Griff. Also dieses Beschwichtigen, Kleinreden. Kleinreden, man könnte auch sagen, man verleugnet ein Stück, wie wir es manchmal nennen, dieses Verleugnete Selbst.

00:22:43: Sabine: Ja, da ist es wichtig, auch das ernst zu nehmen, dass es wirklich ein Alkoholproblem gibt.

00:22:48: Roland: Allerdings, und das war dann bei der einen Sitzung auch so, dass sie dann, ja, ein bisschen ärgerlich mir gegenüber war, weil ich gesagt habe, ja, es ist wichtig, dass dein Mann sich das Alkoholthema anschaut und wir sind auch dran. Und ich habe dann auch gesagt, wo gibt es in deiner Familie ein Suchthema? Und sie sagt dann sofort, überhaupt nicht. Das glaube ich nicht. Und das war spannend, weil der Mann war ziemlich auf Trag, da hat er gesagt, bitte entschuldigen, dein Großvater ist gesoffen, was das Zeug hält. Ja, und dann sagt sie, ja, der war ja in mir zu Hause, das ist ja was anderes, der hatte das unter Kontrolle. Das heißt, sie hat dann das, was er gemacht hat, auch etwas beschwichtigt. Das heißt, wir haben oft auch schon irgendwo einmal sowas ähnliches kennengelernt. So wie ich mit meiner Großmutter. Und was passiert denn, wenn ich nach einem anstrengenden Tag die Stiege raufkomme und Soll ich das jetzt nochmal verraten?

00:23:47: Sabine: Was hast du gesagt? Was habe ich gesagt? Du kommst die Stiege rauf wie ein schottischer Mienenarbeiter. Ich habe noch nie einen schottischen Mienenarbeiter gesehen, aber ich bin sicher, dass der genau so die Stiege raufkommt, wenn er unter Tage gearbeitet hat.

00:24:03: Roland: Und wisst ihr, alle Menschen, die da zuhören, wisst ihr, wie ich reagiert habe? Ich bin zornig geworden, weil ich mir gedacht habe, was heißt denn da, ich bin ein schottischer Mienenarbeiter?

00:24:11: Sabine: Na, aber du bist dann rausgegangen.

00:24:13: Roland: Das war beim übernächsten Mal.

00:24:16: Sabine: Aber einmal bist du raus...

00:24:18: Roland: Wir haben ordentlich gestritten.

00:24:20: Sabine: Einmal bist du rausgegangen und bist dann mit einem anderen Gesicht reingekommen, weil ich dir diesen Spiegel vorgehabt habe.

00:24:26: Roland: Aber danke liebe Sabine, das ist nicht derselbe Roland, jetzt könnte ich sagen, das ist nicht der mit der Diagnose und jetzt mit einer anderen Diagnose, sondern wir haben auch gelernt, das ist ja die gute Nachricht, wir können in Beziehung was dazu lernen, Sabine. Du, ich und alle, die uns zuhören.

00:24:43: Sabine: Und jetzt zurück noch zu dem Mann mit dem Alkoholproblem. Er kann sich ja nicht darauf ausruhen und sagen, ich bin halt Alkoholiker, du hast mich so genau gemeldet, wie ich bin. Naja, aber er könnte sich darauf ausruhen. Du hast mich so kennengelernt, so bin ich nun mal, ich habe dieses Alkoholproblem fertig.

00:24:58: Roland: Aber damals war es nicht so schlimm.

00:25:01: Sabine: Und Dynamik, Bewegung, das Leben ist Bewegung und da gehört dazu, dass er das einmal nicht leugnet, sondern sagt, okay, das ist Faktum, ich habe da ein Problem mit dem Alkohol, das wird ja oft geleugnet und kleingeredet, haben wir ja schon gesagt. Und dann zu sagen, was kann ich tun dagegen, wie kann ich, da gibt es ja genaue Programme, was man macht, wenn man ein Alkoholproblem hat. Mache ich das Programm oder mache ich es nicht? Das ist ja die Entscheidung dann.

00:25:28: Roland: Das heißt eigentlich, dass du zu mir sagst, du schottische Minenarbeiter, war auch eine Diagnose, oder? Schon.

00:25:34: Sabine: Naja, ob es eine Diagnose ist.

00:25:38: Roland: Ich war genervt. Was heißt genervt? Ich war wütend. Du warst wütend. Es war nicht fachgerecht, aber du hast gesagt, du bist so depressiv, Roland. Und du hast halt etwas elegant formuliert, unter Anführungszeichen.

00:25:53: Sabine: Nein, ich war wütend. Und wenn man wütend ist, ist man oft auch sehr kreativ mit den Schimpfwörtern, die man verwendet.

00:25:59: Roland: Danke, danke. Für euch, die uns zuhören, heute können wir darüber lachen. Damals war es ziemlich ein Streit. Aber ich verstehe das, Sabine, auch, weil ich kann auch so, vielleicht kennt ihr das so, mit einem schweren Gang die Stiegen raufkommen. Und Sabine, du hast als Kind sehr viel. Schwere. Man könnte sagen, depressive Stimmung. Deine Schwester ist tödlich verunglückt vor deiner Geburt.

00:26:26: Sabine: Ich kenne das, natürlich.

00:26:27: Roland: Da ist eine dicke Luft, wie wir das wissen.

00:26:30: Sabine: Ich könnte es aber jetzt dir zuschieben und sagen, nein, nur du bist so, das habe ich nie gehabt. Ich habe aber nicht gesagt, dass ich das nicht kenne.

00:26:35: Roland: Das habe ich nicht behauptet. Und dann haben wir, damit ihr das nicht wisst, haben wir etwas gemacht, was ihr vielleicht in der Folge über Imago schon gehört habt. Wir haben dann einen Dialog darüber gemacht und ich habe dann der Sabine zugehört.

00:26:50: Sabine: Und ich habe gesucht nach diesen 90 Prozent, wo eben diese Schwere war.

00:26:54: Roland: Das haben wir auch in einer eigenen Folge schon gesprochen, 90-10.

00:26:56: Sabine: Wo diese Schwere war, die ich auch kenne, aus meiner Familie. Und damit haben wir es beschäftigt mit dem Thema.

00:27:03: Roland: Nein, nicht nur beschäftigt, wir haben es beide geweint, wir haben es betrauert. Und beim nächsten Mal habe ich gemerkt, beim Raufgehen, ui, ich gehe schon wieder wie der schottische Mühlenarbeiter. Übrigens, der Gang ist mir sehr bekannt. Mein Vater hat genau denselben Schritt gehabt.

00:27:20: Sabine: Ah, Zufall, Zufall.

00:27:22: Roland: Und ich bin dann raufgegangen und dann bin ich so reingekommen und die Sabine sagt, weißt du was, komm einfach nochmal rein. Und ich bin wirklich stolz, dass mir das gelungen ist. Wenn er früher hätte gesagt, nein, und jetzt reicht's und wieder passt dir was nicht. Bin raus, bin reingegangen und hallo Sabine, schön dich zu sehen. Das Tolle war, ich glaube es war für dich auch was Humoristisches, es war nett, es war eine Geste, aber mir hat's auch geholfen, also wenn die Sabine mal aufhört mich zu konfrontieren. Zusammenfassend, wir dürfen schon auch uns mit Diagnosen beschäftigen, aber sie dürfen nicht zur Ausrede werden, sie dürfen nicht als Schutzschild verwendet werden.

00:28:01: Sabine: Und nicht als Waffe.

00:28:02: Roland: Und nicht als Waffe, sondern zu schauen, wenn ich in meinem Leben eine Diagnose habe und die hoffentlich auch nochmal verifiziert, vielleicht von zwei, drei Seiten angeschaut habe, was kann ich tun? Und wenn es um eine Beziehung geht, was kann auch vielleicht der Partner, Partnerin dazu tun mit einer Diagnose? Es gibt ja Diagnosen, wo man sagt, das wird wahrscheinlich ein Leben lang bleiben. Es gibt aber auch Diagnosen, wo es was Bewegliches ist. Was kann die Partnerin, Partner tun, dass wir gemeinsam wachsen können?

00:28:36: Sabine: Ja, es kann ein Leben lang bleiben. Zum Beispiel, wenn jemand Alkoholiker ist, Alkoholikerin, Alkoholiker ist, dann kannst du es nicht im Griff haben. Du kannst nicht ein bisschen trinken, sondern es wird dann immer mehr und mehr. Das kennen wir. Du musst dich mit dem abfinden, dass es so ist. Aber was ist dann der Umgang damit? Was mache ich für Entscheidungen? Wie tue ich das? Ist auch gar nicht so leicht. Du musst dir dann auch Strategien zurechtlegen, weil du gehst in irgendeinem Fest und es wird dir Alkohol angeboten.

00:29:03: Roland: Wie gehe ich damit um? Aber da sind wir wieder als Paar. Da erinnere ich mich, dass ein Mann, der mit einer Alkoholikerin lebt, seit vielen Jahren, hat gesagt, ja, wenn wir weggegangen sind, hat er gesagt, ja, dann trink halt dein Glas.

00:29:16: Sabine: Genau, das ist natürlich kontraproduktiv.

00:29:18: Roland: Ja, aber da sind wir wieder für die Menschen, die uns zuhören, was geben wir ihnen mit? Wir geben euch mit, dass Diagnosen was Wertvolles ist, grundsätzlich ist. Die Frage ist, wie gehe ich mit Diagnosen?

00:29:31: Sabine: Wie gehe ich damit um?

00:29:32: Roland: Und bin ich, wenn du jetzt sagst, du hast zum Beispiel einen Blasenkatarrh, bist du jetzt ein Mensch der Blasenkatarrh? Oder bist du die, meistens sage ich Susanne oder Herbert, mit einem Blasenkatarrh? Bist du, die Susanne und Herbert, mit einer auch depressiven Seite, vielleicht auch mit einer autistischen Seite oder bist du ein Autist? Bist du ein Depressiver? Also das

00:29:59: Sabine: heißt, es ist eine Seite und mit dem auch umzugehen und als Paar auch mit dem umzugehen, es nicht als Waffe zu verwenden, sondern zu sagen, ja, wie können wir damit umgehen und auch zu schauen, was hat es mit meiner Geschichte zu tun, dass ich mit jemandem zusammen bin, der XYZ hat und dann zu schauen, wie tun wir damit gemeinsam, wie können wir es gemeinsam anpacken und wenn du jetzt sagst, Blasenkatarrh, das ist etwas, wo ich eine Schwachstelle habe, ich bekomme das relativ leicht und dann brauche ich dich dazu und wo du zum Beispiel dann sagst, da haben wir eben auch mal einen Dialog darüber geführt, weil du mich gefragt hast, soll ich dich dann bemitleiden, soll ich sagen, du Arme und dann habe ich gesagt, ja bitte und du warst wirklich baff, soll ich das wirklich sagen? Ja, bitte sag das zu mir.

00:30:46: Roland: Wisst ihr, warum ich baff war, weil das genau die Sätze sind, die ich nicht hören will, dass dann die Sabine, wenn es mir nicht gut geht, sagt, ich bin arm, ich brauche dann wieder andere Sätze, deswegen ist es auch so wichtig, dass wir uns über solche herausfordernde Zeiten, das sind herausfordernde Zeiten, austauschen und für alle, die heute mit dabei waren und sagen, ich lebe ja gar nicht in einer Beziehung, ich würde gerne mal eine Diagnose meinem Partner verschreiben, aber ich habe keinen, dann mag vielleicht das auch noch eine Idee sein, wir haben vor kurzem mit einer guten Bekannten gesprochen und sie hat gesagt, also Bösel, ihr macht das so viel mit Paaren, also ich bin gerade wieder Solo, ich verstehe das nicht, ich komme immer wieder an Männern, die ein Drogenthema haben und da haben wir etwas gesagt, wir waren auch nicht beruflich unterwegs, ja bitte dann schau mal hin, was ist denn dein Anteil, dass du deinen Zuzug in diese Richtung hast, was nicht heißt, ganz wichtig, du bist schuld, sondern was für ein, ich möchte schon fast sagen, Riechorgan hast du, dass du dir genau solche potenzielle Partner in dein Leben holst. Es geht, wie gesagt, für euch alle, nicht um Schuld, es geht wieder mal um Verantwortung. Wenn ich Verantwortung nehme, dann finde ich auch Antworten, in dem Wort Verantwortung steht das Wort Antwort, ich finde auch eine Antwort auf den Umgang mit einer Diagnose und auch sie, ich finde eine Antwort darauf, dass es da etwas gibt, wo ich eine Schwachstelle habe. Letztens, vielleicht zum Abschluss, ein schönes Bild von einem Paar, wo der Mann erfahren hat, dass er eben eine schwere Depression hat und sie hat gesagt, ja wir sitzen dann am Abend beim Abendessen und wir haben da so ein Regal und da stehen dann in dem Regal alle unsere Persönlichkeitsanteile und auch die Diagnosen und manchmal greifen wir mehr auf dieses Regal oder Lade zu und dann auf diese, manchmal greifen wir sie zu, dorthin, ohne dabei das zu bemerken, aber am Tisch sitzen im Grunde genommen er und ich. Zwei Personen, zwei Menschen, die verschiedene Seiten haben und die auch auf der Suche sind nach der Liebe.

00:33:05: Sabine: Und die eine Antwort finden auf die Challenge, auf Herausforderungen im Leben, auf dunkle Wolken im Himmel und was brauche ich da für Schutzkleidung, was kann ich dagegen tun?

00:33:16: Roland: Ja, also ihr Lieben, wir hoffen ihr konntet ein bisschen was mitnehmen, für alle die in Beziehung leben, sagen wir gerne, bleibt dran, macht es gemeinsam und für die, die auf dem Weg sind, vielleicht wieder mal auch in einer Beziehung zu leben, vielleicht war auch was für dich dabei, wo du sagst, ja ich verstehe jetzt besser, wie manches gelaufen ist und hast dadurch einen größeren Handlungsspielraum in deinen nächsten Begegnungen.

00:33:42: Sabine: Und meine Lieben, denkt daran, ich habe mich lieb, so wie ich bin, ich bin okay und meinen Partner liebe ich auch und habe ich auch lieb und ist auch okay und es gibt Herausforderungen in unserem Leben.

00:33:54: Roland: Das hast du jetzt zu mir gesagt, oder?

00:33:55: Sabine: Das habe ich zu dir gesagt und denkt daran, denkt an die Liebe und macht es gut und macht es gemeinsam.

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