Warum wir uns zu 90 % irren.
Shownotes
Zu 90 % kommt das, was uns aufregt, aus einer Vergangenheit, Teil deren unser aktuelles Gegenüber gar nicht ist. Gerade einmal 10 % unserer zwischenmenschlichen Probleme existieren, während wir sie erleben.
Sabine und Roland Bösel haben an mehr als 3.000 Paaren und speziell unter der Lupe der Imago-Methode gesehen, wie viel sich zum Positiven verändert, wenn wir die 90:10-Formel verstehen und im Alltag berücksichtigen. Wenn wir uns fragen, woran uns das, worüber wir streiten, in Wirklichkeit erinnert. Warum wir überreagieren oder Mauern bauen. Warum unser Denken aussetzt und wir plötzlich keine Lösungen finden, während so viele vor uns liegen.
Entdecke, warum dein Partner, deine Partnerin sogar dafür zuständig ist, bei dir alle roten Knöpfe zu drücken – und wie ihr als Verbündete euer Wissen um die 90:10-Formel für eure Beziehung und eure Entwicklung nutzen könnt.
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Produktion: Umsetzerei Wien
Transkript anzeigen
00:00:07: Roland: Herzlich willkommen zu unserem Podcast Liebesdoppel.
00:00:11: Sabine: Der Podcast fürs Zwischenmenschliche.
00:00:14: Roland: Wir sind die Bösels, mein Name ist Roland Bösel.
00:00:17: Sabine: Und mein Name ist Sabine Bösel. Wir sprechen heute über die 90-10-Formel.
00:00:28: Roland: Willkommen und zur Einleitung wieder mal der Hinweis, wir trainieren uns gegenseitig als Paar seit fast 50 Jahren. Das ist die eigentliche Ausbildung, die wir seit 50 Jahren machen und wir sind auch Psychotherapeutin und Psychotherapeut und begleiten seit 35 Jahren Paare.
00:00:49: Sabine: Und diese 90-10-Formel ist uns ganz wichtig zu erklären und es würde mich freuen, wenn ihr, liebe Hörerinnen, liebe Hörer, am Ende des Podcasts eine Idee habt, wie ihr das anwenden könnt und wann ihr das anwenden könnt. Es geht darum, dass man mit heftigen Gefühlen, mit starken Gefühlen auf etwas reagiert, was scheinbar eine Kleinigkeit ist. Also für den Außenstehenden eine Kleinigkeit oder kein Riesenanlass. Die Gefühle sind aber sehr, sehr heftig, sehr starke Gefühle und da kann man sehr oft diese 90-10-Formel anwenden. Nämlich, dass 90 Prozent gar nicht mit dem Hier und Jetzt zu tun haben, sondern mit unseren Genen, mit unserer Kindheit, mit der Jugend, da gehört auch die Peer Group dazu, auch mit Vorbeziehung, Vorbeziehungen und dass dort diese heftigen Gefühle herkommen.
00:01:40: Roland: Die Schule gehört auch dazu.
00:01:41: Sabine: Die Schule, die Peer Group, natürlich meine ganzen Kindheitsbetreuer, die Menschen, die wichtig waren für mich als Kind, denen ich auch ausgeliefert war, auch meine Geschwister und all die haben da was damit zu tun, dass meine Gefühle so heftig sind auf einen scheinbar kleinen Anlass.
00:01:58: Roland: Das können wir nicht oft genug sagen, das Problem ist meist viel älter als die Beziehung selbst. Also es wurzelt in einer anderen Zeit als bei dem, was gerade im Hier und Jetzt stattfindet.
00:02:11: Sabine: Ein Beispiel von mir, ein Klassiker, ich war bei einem Treffen mit Kollegen, wir haben da gearbeitet am Nachmittag und viele Dinge auch geübt und besprochen etc. Ein berufliches Treffen und komme nach Hause, war auch ein bisschen müde und komme bei der Tür rein und der Roland begrüßt mich, alles gut, freundlich und dann sagt er, na hast du das Buch mitgebracht? Das habe ich vergessen und in dem Moment, 90, 10, die 90 Prozent haben voll zugeschlagen, ich habe das vergessen. Wir haben vorher noch darüber geredet, dass ich das Buch mitnehmen soll, dass ein Kollege mir mitgibt, und ich habe es einfach vergessen. Und da kommt schlechtes Gewissen, hoch 10, dann habe ich begonnen.
00:02:58: Roland: Du hast eines noch ausgelassen, ich habe sicherlich, als du gesagt hast vergessen, habe ich sicher ein Gesicht gemacht, so was ist jetzt wieder passiert.
00:03:07: Sabine: Du warst schon genervt, also es war auf jeden Fall eine vorwurfsvolle Miene, wir haben ja vorher darüber gesprochen und du wolltest dir das sparen, dass du jetzt mühsam dieses Buch beschaffst. Also es hat dich geärgert, ja klar und da könnte man auch einfach sagen, ja tut mir leid, Mist, wie kann ich das jetzt gut machen. Aber das schlechte Gewissen war so groß bei mir, dass ich begonnen habe, zuerst mich zu verteidigen und zu erklären, warum und wieso. Danach kam die Unterwerfung und es tut mir leid und bitte schau nicht so böse. Also ich habe mich so unterworfen und hätte am liebsten gehabt, dass du mich jetzt freisprichst, wie in der Kirche oder so. Und nachdem du das nicht gemacht hast, bin ich dann auch zornig geworden. Irgendwann kam dann der Vorwurf von mir, das ist nämlich interessant, dass ich dann gesagt habe, ja du, dir passieren ja auch Fehler und du brauchst gar nicht deinen Heiligenschein polieren. Das ist immer das Ärgste, wenn ich dann zornig bin, sage ich so was.
00:04:07: Roland: Das hast du schon lange nicht mehr gesagt.
00:04:08: Sabine: Ja, habe ich schon länger nicht gesagt. Ja, warum? Jetzt kommen die 90 Prozent, dass ich als Kind, ich war in einer Ganztagsschule, ich bin nach Hause gekommen, meine Mutter hat in die Schultasche geschaut, es fehlt schon wieder ein Buntstift, es fehlt schon wieder der Spitzer, du hast das vergessen, du hast einen Handschuh vergessen. Und diese Geschichte mit den Handschuhen, das hat mich meine Kindheit verfolgt, weil ich, ich weiß noch, ich bin als Kind in die Pause gelaufen, weil ich wollte herumlaufen und wollte mit meinen Freundinnen spielen und habe ständig irgendwelche Handschuhe wo liegen lassen. Und diese Handschuhgeschichte hat mich so was von verfolgt und das sind die 90 Prozent, weil meine Mutter mir eigentlich vorgeworfen hat und mit wirklich einem schlimmen, vorwurfsvollen Ton, das ist furchtbar, was du machst, ein schreckliches Kind. Also dieses Kind kommt nach Hause und hat immer irgendwas verloren. Es ist wirklich eine Qual mit diesem Kind. Das heißt, ich war als gesamtes Kind, als kleines Mädchen war ich nicht okay, weil ich oft Sachen verloren und vergessen habe. Und das sind die 90 Prozent, die mich wirklich gequält haben als Kind und die poppen dann hoch, wenn sowas passiert.
00:05:19: Roland: Ja, dazu muss man auch sagen, dass du Sabine als sehr junges Kind in eine Ganztagsschule gekommen bist mit einer Sprache, die nicht deine Muttersprache ist und die anderen haben alle schon Französisch gesprochen und du bist um halb acht außer Haus und bist um 16.30 Uhr komplett fertig nach Hause gekommen.
00:05:40: Sabine: Das hat mich sehr gefordert, die Schule. Deswegen habe ich auch ständig Sachen verloren.
00:05:44: Roland: Vielleicht hast du den Podcast gehört, wo Sabine darüber erzählt, dass die Schwester von der Sabine vor Sabines Geburt tödlich verunglückt ist. Das heißt, die Relationen waren schon eigenartig, dass nämlich dann der verlorene Handschuh so Bedeutung bekommen hat, im Vergleich zu dessen zu sagen, schön, dass du jetzt da bist und schön, dass wir uns sehen. Natürlich, ich kenne die Geschichte auch deiner Mutter und weiß, was sie erlebt hat und es ist verständlich, dass sie damals auch so reagiert hat. Trotzdem war es für dich als kleines Kind eine enorme Belastung.
00:06:20: Sabine: Ich hatte das Gefühl, dass ich gar nicht okay bin, dass ich eigentlich ein furchtbares Kind bin, das seine Mama total belastet. Und meine Mutter hat natürlich aufgrund des Schicksals, das da passiert ist, hat sie auch manchmal so eine ganz starke Schwere gehabt in sich. Ist ja alles sehr verständlich und ich habe das auf mich bezogen, weil ich ihr solche Sorgen mache und sie so quäle mit meinen Sachen, die ich verliere. Und genau das poppt dann hoch und wenn du ein Gesicht machst und sagst, jetzt hast du das vergessen, das sind die zehn Prozent, das Gesicht, das du gemacht hast.
00:06:51: Roland: Und ihr könnt es sicher schon kombinieren, wenn Sabine das Gesicht sieht, hast du das Buch mitgebracht, dann verwandle ich mich so was wie auch ein Stückchen meine Schwiegermutter. Zwar nicht optisch, aber seelisch. Das heißt, plötzlich hat die Sabine nicht nur mich vor sich, sondern auch ihre eigene Mutter.
00:07:14: Sabine: Wenn diese 90 Prozent abgerufen werden, was nämlich auch interessant ist und wichtig ist zu verstehen, dass dann die Kreativität einem auch verloren geht. Das heißt, ich habe dann eine starke heftige Reaktion gehabt und mich verteidigt und dann bin ich zum Gegenangriff übergegangen. Aber diese Kreativität zu sagen, wie könnte ich das jetzt lösen. Okay, ich habe das Buch vergessen, wie könnte ich das jetzt wieder gut machen. Ich hatte diese Kreativität nicht, dass ich ein Stück zurückgehe und mir denke, blöd ist passiert. So was passiert nun mal, dass man was vergisst und dann überlege, wie könnte man das jetzt lösen. Diese Kreativität war überhaupt nicht mehr da bei mir.
00:07:49: Roland: Und als wir zur Psychotherapie gekommen sind, haben wir auch in unseren Ausbildungen gelernt, wie sie uns da die alte Geschichte beeinflusst. Und bei der Imago-PAR-Methode, wo wir einen eigenen Podcast aufnehmen werden, sind wir dann damals über die Hedy Schleifer, unsere Mentorin, die unsere Ausbildnerin war, zu dieser 90-10-Formel gekommen. Und ich wiederhole es und wir werden es vielleicht noch ein paar Mal wiederholen. Das bedeutet, dass 90 Prozent mit der alten Geschichte zu tun hat und 10 Prozent ist hier und jetzt. Jetzt werden vielleicht manche die zuhören und sagen, naja, das machen sich die aber schon einfach. Das heißt, das 10-Prozent-Thema, das wird dann so vernachlässigt. Nein, nein, die 10 Prozent, die ist es auch wichtig dann anzuschauen, nämlich wie interagieren, in wie können wir das auch verändern. Allerdings, wenn in diesen 10 Prozent die 90 Prozent abgerufen werden und wir dann unsere Kreativität verlieren, verlieren wir uns auch in der Paarbeziehung. Und das ist das Schade. Und wir sagen es nicht, weil es dadurch irgendwie aufgeweicht wird, sondern wenn mir bewusst ist, wenn die Sabine so reagiert, dass es 90 Prozent mit ihrer Geschichte zu tun hat, dann ist es auch möglich, über diese 10 Prozent konstruktiv zu reden. Weil sonst müsste ich ja glauben, was bin denn ich für ein schlechter Mensch, dass die Sabine so reagiert, weil ich sage, hast du das Buch mitgebracht und vielleicht nicht so freundlich reinschaue. Dann stimmen die Verhältnismäßigkeiten nicht mehr.
00:09:31: Sabine: Aber wenn man sich die 90-10-Formel hernimmt und das ernst nimmt, kann man sagen, okay, die heftige Reaktion waren 90 Prozent die alte Geschichte und wir beschäftigen uns jetzt mit diesen 10 Prozent, wie könnte, wie könnte man das jetzt anders machen? Und dass du weißt auch, dass wenn du mir Vorwürfe machst, ist das einfach ein Wunderpunkt bei mir und den muss man ja nicht ständig drücken, diesen Knopf. Wir nennen das im Fachjargon auch oder im internen Jargon sagen wir oft, naja, da ist jetzt mein Knopf gedrückt worden. Das ist ein Knopf, aber ein unangenehmer Knopf, den du da erwischt hast und man muss ja diesen Knopf nicht drücken, wenn man weiß, das ist heikel, aber es passiert halt.
00:10:07: Roland: Allerdings, wir haben da auch zusammen mit unserer Auswahl des Partners, Partnern wirklich ein Händchen oder vielleicht einen Daumen, genau diese Knöpfe zu erwischen.
00:10:19: Sabine: Man sucht sich jemanden aus, der das auch gut kann, diese Knöpfe zu drücken. Oh, warum, warum, warum?
00:10:25: Roland: Das werden wir auch noch bei der Partnerwahl einmal genauer erklären. Was uns wichtig ist, euch zu vermitteln, dass diese 90-10-Formel uns hilft, das Thema, nämlich die 10 Prozent dann so anzuschauen, dass es auch vielleicht sogar, ja, eine Möglichkeit gibt, ein neues Verhalten auszurichten. Einerseits weiß ich dann, oh, 90 Prozent Sabine und ich kenne die Geschichte von einer kleinen Sabine, die mich so rührt, weil ich weiß, wie sehr die Sabine in ihrer Kindheit da manchmal Tonnen geschleppt hat.
00:11:05: Sabine: Ich war dem natürlich ausgeliefert. Ich bin nach Hause gekommen, was hätte ich machen können? Ich war natürlich dem ausgeliefert, auch der Reaktion von meiner Umwelt, in dem Fall aus meiner Mutter und als Erwachsene habe ich aber die Möglichkeit zu handeln. Wenn ich eben nicht so, wenn das nicht so reingeht und so emotional bin, kann ich mir auch überlegen, eben eine Kreativität, einen anderen Umgang damit und das ist das Schöne, dass man das als Partner auch lernen kann, miteinander damit besser umzugehen, weil wir haben alle unsere Rucksäcke, unsere alten Geschichten, die wir mitschleppen.
00:11:36: Roland: Rucksäcke wären jetzt die 90 Prozent.
00:11:39: Sabine: Das ist meine Geschichte, die ich da mithabe, das ist zum Beispiel, also solche Gespräche mit meiner Mutter oder solche Vorwürfe, die ich bekommen habe, das ist in meinem Rucksack mit meiner Geschichte, mit dem umzugehen und zu sagen, wie könnte man das jetzt machen, dass das nicht so passiert.
00:11:54: Roland: Außerdem, und ich war ja in deiner Familie, gibt es die Rollen schon besetzt von deinen anderen Geschwistern, zum Beispiel mancher ist auch mit Aggressionen damit umgegangen. Du hast es dann eher in dich hineingeschluckt und wenn du dann nach Hause kommst und eh überlegst, habe ich eh alles berücksichtigt und dann dich selber dabei erwischt, ah, jetzt habe ich es vergessen, dann bist du ja auch ein Stück auf Dichtzone gewesen, jetzt habe ich wieder auf mich vergessen, aber dann kommen eben diese 90 Prozent und dann verliert in dem Fall die Sabine eher ihre Kreativität.
00:12:29: Sabine: Wenn ich am Telefon nicht erreichbar bin, dann aktiviert das deine alte Geschichte, das ist jetzt auch schon länger her, aber früher hast du da sehr heftig reagiert drauf.
00:12:40: Roland: Ja, es ist gut, dass du sagst, dass es länger her ist. Es passiert jetzt nach wie vor, dass ich die Sabine anrufe und sie nicht erreichbar ist, allerdings dieser Knopf hat irgendwie eine Heilung erfahren und es ist uns auch wichtig, liebe Hörerinnen, lieber Hörer, dir das zu sagen, wenn wir Beispiele von uns erzählen, dann erzählen wir Beispiele, wo das auch, jetzt kommt ein großes Wort, auch schon geheilt ist, weil die aktuellen Beziehungsthemen, die wir natürlich auch haben und das auch nach fast 50 Jahren, die werden wir hier im Podcast nicht abhandeln, weil dann kämest du ja so quasi zum Handkuss in unseren Beziehungskonflikt hereingezogen zu werden. Und früher war es eben so, ich habe Sabine angerufen, Sabine hat vergessen auf laut zu stellen, wir haben ausgemacht, wir rufen uns da an, ich rufe einmal an, dreimal, viermal, fünfmal und ich bin immer aufgeregter und zorniger geworden und dann irgendwann habe ich sie erreicht, also was ist mit dir, warum hast du nicht zurückgerufen, wir haben doch das ausgemacht, jetzt könnt ihr schon kombinieren, dann bin ich wieder in der Rolle von Sabines Mutter, dann aktiviere ich ihre 90% sofort und umgekehrt hat die Sabine meinen Knopf erwischt, weil ich als Kind oft sehr alleine war, ich konnte als Kind viel machen, ich hatte viel Freiheiten, ich war aber auch sehr viel alleine.
00:14:02: Sabine: Und für mich war das wirklich eine Riesenerkenntnis, die auch wirklich was verändert hat bei mir, dass ich wusste, okay 90 10, ich habe natürlich, ich habe vergessen das Handy laut zu stellen, ich habe es vorher lautlos gehabt in der Therapiestunde, dann gehe ich raus und habe es vergessen. Gut, dann habe ich gewusst, okay der Roland hat das so oft erlebt, dass er ganz alleine war und dass er niemanden erreichen konnte und war eben auch der Situation ausgeliefert als Kind und das habe ich irgendwann einmal kapiert, das sind die 90 Prozent, warum er heftig reagiert und habe dann auch gearbeitet daran, dass ich mir einen Reminder mache, dass ich mir das irgendwo hinlege und mir einen Zettel schreibe oder irgendwas, dass ich das Handy halt wirklich laut stelle und schaue, dass ich erreichbar bin, was nicht heißt, dass das nicht immer wieder passiert.
00:14:49: Roland: Ja, aber du hast einen viel wichtigeren Schritt vorher gemacht, Sabine, darf ich das sagen? Also du hast dir bewusst gemacht, ah das sind die 90 Prozent, der Roland war oft so einsam und alleine und du hast dann etwas gemacht, du hast deinen Empathie-Muskel wieder aktiviert und konntest mit mir auch zum Beispiel in meine Kindheit gehen und dort zu schauen, wie das für mich war und warst plötzlich als diejenige, die ja manchmal unverlässlich ist, plötzlich sehr verlässlich, sehr da und dadurch sind wir uns nahegekommen.
00:15:23: Sabine: Weil ich gespürt habe, das will ich dir überhaupt nicht antun.
00:15:26: Roland: Das ist mir wichtig, diese Wertschätzung an dich, du hast die Empathie entwickelt und die war nur deswegen auch möglich, wenn ich nämlich gesagt hätte, Sabine, du bist Schuld jetzt daran, dass ich da jetzt so eine Frustration habe, weil du mich nicht angerufen hast, wenn ich nicht auch bereit gewesen wäre zu sagen, wo sind meine 90 Prozent, wäre es für die Sabine ganz schwer gewesen, hier eine entsprechende Empathie zu entwickeln. Warum? Weil das wiederum der Knopf deiner Mama ist.
00:15:54: Sabine: Ja und Empathie heißt auch, dass ich dann bei dir war und gespürt habe, ui, wenn das passiert, dann hast du deine Not damit. Ich verstehe, dass du da eine ziemlich große Not hast und ich verstehe, dass es gut ist, wenn ich erreichbar bin, wenn ich verlässlich da bin und wenn du eben nicht irgendwo ins Leere fällst. Und ich habe das wirklich gespürt, deine Not war nicht damit beschäftigt, mich zu verteidigen, sondern ich war bei dir und das war der Riesen-Switch, wo ich dann gemerkt habe, aha, ich tue mein Bestes, dass das nicht passiert. Ich meine, ich bin jetzt nicht perfekt.
00:16:29: Roland: Gott sei Dank, stell dir vor, du wärst perfekt.
00:16:31: Sabine: Aber meine Absicht ist auf jeden Fall, dass ich für dich erreichbar bin, so gut es geht, dass ich nicht mich dagegen wehren muss, dann zu sagen, na, ich kann ja nichts dafür oder so, weil dann bin ich ja nur mit mir beschäftigt. Und ich bin wirklich zu dir gegangen und habe mich in dich hineinversetzt und verstanden, wieso das so wichtig ist für dich.
00:16:51: Roland: Im Umkehrschluss heißt das aber auch, ich kann nicht sagen, wenn du einen Konflikt hast mit deiner Partnerin, deinem Partner, zu sagen, pass auf, das sind sowieso deine 90 Prozent. Das wäre dann die 90-10-Formel als Waffe zu verwenden. So quasi die Bösels haben gesagt, das ist sowieso dein Problem. Na ja, das wäre zu einfach. Warum wir euch das mitgeben ist, weil wir tagtäglich erleben das an kleinen, scheinbar kleinen Themen, die oft mit unserer eigenen Geschichte viel mehr zu tun haben, so scheitern in Paarbeziehungen, dass, wenn das sich immer mehr aufbauscht, genau aus diesen Gründen Beziehungen auseinandergehen. Und das finden wir total schade.
00:17:37: Sabine: Und manchmal ist es auch ganz schön schwierig, diese 90 Prozent zu finden. Wenn wir das so fragen, wenn ein Paar bei uns in Therapie ist und macht einen Dialog und der eine Person ist sehr heftig reagiert, also wir machen ein Gespräch und wir sitzen dabei und begleiten sie und dann frage ich, na ja, und dieses Gefühl, was du da hast, woran erinnert dich das in deiner Kindheit?
00:18:04: Roland: Oder vielleicht auch Jugend. Oder vielleicht auch mit einem früheren Partner.
00:18:11: Sabine: Genau, das kann nämlich auch sein, dass man von der vorigen Partnerschaft noch ein paar Steine mitschleppt. Ja, und ein paar Kerben, ein paar wunde Stellen noch hat und jemand anderer da in diese Wunde hineinkommt, den Finger da reinlegt in diese Wunde und dann ist es, manchmal braucht es schon eine ganze Weile, bis man was gefunden hat, weil manchmal ist es nicht so offensichtlich. Was ich euch auch noch mitgeben will, manchmal denken wir dann zu linear und denken uns, okay, mein Mann hat jetzt das gemacht, also muss das ja mit meinem Vater zu tun haben. Das stimmt nicht, das kann genauso mit meiner Mutter sein und umgekehrt meine Frau macht das und das und das regt mich fürchterlich auf und das halte ich ganz schlecht aus. Hat es jetzt mit der Mutter zu tun? Das wäre sozusagen das naheliegende. Manchmal ist es auch der Papa. Manchmal ist es auch, hat es mit der Beziehung von den Eltern zu tun, dass man das bei den Eltern gesehen hat und das kaum ausgehalten hat, wie die Eltern miteinander umgehen. Also es macht schon Sinn, da ein bisschen zu suchen und herumzutapsen und zu sagen, woher kennst du denn das Gefühl? Wer hat das Gefühl ausgelöst?
00:19:12: Roland: Ich bin ja das beste Beispiel, Sabine. Ich bin ein Mann und ich drücke wunderbar den Knopf deiner Mutter.
00:19:17: Sabine: Ja, genau. Manchmal ist es sehr offensichtlich, aber was auch manchmal passiert, dass wir das von außen sehen oder haben schon eine Idee dazu und die betreffenden Person tappt komplett im Dunkeln und sagt, na, so was habe ich nie erlebt, das kenne ich überhaupt nicht von früher. Dann macht es schon Sinn, auch ein bisschen zu suchen, was es sein könnte.
00:19:39: Roland: Um ein Missverständnis vorweg gleich auszuräumen, wenn du auf der Straße gehst und du siehst da eine Mutter oder Vater, der gerade sein Kind oder ihr Kind schlecht behandelt, vielleicht anschreit, sogar vielleicht schlägt, kannst du nicht weitergehen und sagen, meine 90 Prozent sind gerade aktiviert. Ich merke, ich bin so aufgeregt. Dann ist deine Aufregung sehr wohl passend in dieser Situation, weil dann ist es nicht deine 90 Prozent, sondern du sagst, stopp, so geht man nicht mit seinem Kind um. Das ist dann eine Empörung und dann ist es nicht die 90 Prozent aus der Kindheit. Vielleicht sind sie auch die 90 Prozent der Kindheit, aber in Wirklichkeit, es geht zu sagen, stopp, ja und ohne vielleicht da diese 90 Prozent zu beleuchten. Es wäre ironisch in diesem Moment.
00:20:29: Sabine: Also immer und überall zu sagen, ach was ist jetzt eine heftige Reaktion, jetzt muss man gleich schauen, was sind die 90 Prozent. Das lässt sich jetzt nicht immer anwenden, das ist schon klar.
00:20:37: Roland: Allerdings und das ist vielleicht wichtig, Sabine, zu sagen, du kannst das nicht nur mit einer Partnerin, Partner, mit einer Frau, Mann haben. Das kann genauso sein, dass diese 90 Prozent aktiviert wird mit einer guten Freundin, guten Freund.
00:20:52: Sabine: Chef und Chefin sind auch sehr gut geeignet, diese Knöpfe zu drücken. Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter. Genau. Und Vereine. Vereine sind wunderbar. Vereine, da wird die ganze Familiengeschichte nochmal aufgerollt. Im Verein findet man dann alle möglichen Leute. Da findet man den komischen Onkel, die Tante, die viel zu viel redet, der Papa, der nicht zuhört, die Mama, die kämpft, alles mögliche.
00:21:19: Roland: Egal, ob das Gesellschaftsvereine sind, Sportvereine, politische Vereine, es geht dann oft um die eigene Aufarbeitung der Familie als um diese Sachthemen, die gehen dann oft verloren.
00:21:31: Sabine: Viele Möglichkeiten, diese 90 Prozent abzuarbeiten, immer wieder in der Umwelt, in zwischenmenschlichen Beziehungen.
00:21:38: Roland: Allerdings umso wichtiger die Person, mit der du diesen Konflikt dann hast, ist es, umso wichtiger diese Person und bedeutungsvoller diese Person für dich ist, umso mehr verletzt es dich und umso mehr werden die 90 Prozent aktiviert. Und wenn jetzt zum Beispiel ich herausfinde, warum ich so überreagiere, wenn Sabine nicht erreichbar bin, dann bekomme ich die Chance herauszufinden, was ist da noch nicht geheilt in meinem Leben. Und die Sabine ist nicht verantwortlich, mich zu heilen, sondern sie ist dann meine Verbündete, meine Begleiterin, meine 90 Prozent aufzusuchen und möglicherweise, dass dann Heilung passiert und damit ich meine Persönlichkeit entwickle, weil zu sagen, ja ich bin als Kind schlecht behandelt worden, deswegen behandle ich andere Menschen auch schlecht, das ist zwar eine schöne Schutzbehauptung, aber wo ist da die gereifte Persönlichkeit, wo ist auch die Freiheit dann, weil in dem Fall bin ich ja von meiner Vergangenheit determiniert und bin dann vielleicht ein Wutbolzen und renne so durch die Welt, aber ich bin ja nicht frei, ich bin ja gefangen in meinen 90 Prozent. Das heißt, wenn man gemeinsam als Paar da auf die Suche geht, dann entwickelst du deine Persönlichkeit.
00:23:05: Sabine: Und manchmal sagst du mir schneller, wo das herkommt, weil ich sage dann, ich weiß gar nicht, wieso mich das jetzt so beschäftigt, irgendeine Kleinigkeit in meiner Umwelt, verstehe gar nicht, warum mich das so beschäftigt, und dann sagst du oft, naja das ist eh klar, das ist jetzt dein Vater eins zu eins und ich denke mir, ah ja genau, das ist mir gar nicht aufgefallen. Was ich euch, liebe Hörerinnen und Hörer, mitgeben möchte, wenn es etwas gibt, wo du merkst, ich reagiere heftig darauf und es kann heftig sein nach außen, es kann aber auch etwas sein, wo du sagst, ich baue da jetzt eine Mauer auf und dieser Mensch kommt nicht mehr an mich heran, den muss ich strafen.
00:23:42: Roland: Oder ich kühle meine Emotionen runter.
00:23:44: Sabine: Ich kühle runter oder ich baue eine Mauer auf oder ich bin ziemlich beleidigt. Es muss gar nicht so intensiv nach außen sein.
00:23:50: Roland: Oder ich gehe auf einen Angriff und die Umwelt denkt sich, was ist jetzt so, ist Krieg ausgebrochen?
00:23:54: Sabine: Ich schmolle oder ich trage jemandem was nach innerlich. Wenn sowas ist, wo du merkst, das ist eigentlich zart, ich finde da gar keine Lösung, ich bleibe da irgendwie picken auf dem Gefühl, dann kannst du ziemlich sicher sein, dass es etwas ist, eine alte Geschichte, die sich da wieder konstelliert. Und diese alte Geschichte möchte ja aufgelöst werden. Und dafür ist es wichtig zu finden, was ist es denn, um welches Thema geht es denn da? Und vor allem, wenn es so Sachen sind, die sich wiederholen. Also wenn das so Themen sind, die eine Schleife haben. Die Schleife habe ich schon zehnmal geredet mit meinem Partner oder auch Freundin oder wer immer, Chef oder Chefin. Und ich habe diese Schleife schon so oft. Dann kannst du ziemlich sicher sein, es hat was mit alten Geschichten zu tun. Und im Hier und Jetzt möchte es zu einer Lösung kommen. Einfach, dass man als Erwachsener den Handlungsspielraum erweitert.
00:24:49: Roland: Ja, ich merke, Sabine, wenn wir darüber reden, dass ich auch so eine Grundaufregung habe, weil es ist so ein wichtiges Thema. Und ich höre schon so quasi bisher die, die uns zuhören und die sagen, ich kann es meinem Partner oder Partnerin nicht so leicht machen. Wenn ich sage, da werden meine 90 Prozent aktiviert, dann glaubt er oder sie vielleicht, kann so weitermachen.
00:25:13: Sabine: Nein, die zehn Prozent ist wichtig, sich mit denen zu beschäftigen. Und vielleicht hast du eine Frage an uns, gerade an dieser Stelle. Ich weiß nur, dass da oft Fragen kommen zu diesem Thema. Sowohl bei den Seminaren als auch in unserem Freundeskreis, dass dann eine Freundin sagt oft zu mir, na, Sabine, und wo sind da jetzt die 90 Prozent? Und dann diskutieren wir ein bisschen länger. Manchmal dauert es ein bisschen länger.
00:25:37: Roland: Und dann sagt die Sabine, das könnten deine 90 Prozent sein, weil wir die Bekannte auch gut kennen.
00:25:43: Sabine: Genau, dann gebe ich ein paar Tipps ab.
00:25:44: Roland: Nein, das ist überhaupt nicht so. Und dann hat man eigentlich schon in der Reaktion, spürt man die 90 Prozent.
00:25:50: Sabine: Genau, also wenn du dazu Fragen hast oder eine Frage hast, dann schick sie uns doch bitte gerne. (beziehungsweisegluecklich@boesels.at)
00:25:55: Roland: Schreib sie uns.
00:25:56: Sabine: Wir freuen uns über Fragen, weil dann können wir uns auch weiter damit beschäftigen, wie kann man das jetzt vielleicht noch besser erklären.
00:26:03: Roland: Wichtig ist uns dir zu vermitteln, dass durch dieses Auflösen dieser alten Geschichten oder umgekehrt, dass ich zum Beispiel von der Sabine erfahre, wenn das passiert, wie mit der Geschichte mit dem Buch und ich plötzlich die Geschichte auch von der kleinen Sabine höre und ich kann mich erinnern, als die Sabine mir das das erste Mal erzählt hat, obwohl ich nicht so viel damals geweint habe. Ich habe mit ihr mitweinen müssen. Ist meine Empathie auch größer? Das heißt, wenn sie wieder mal was vergessen hat, dann ist es nicht so, dass sie sagt, oh, die kleine Sabine, das muss man jetzt sofort entschuldigen, sondern aber ich habe eine andere Form der Empathie und kann auch leichter dann so sagen, okay, ich lasse das jetzt los, das ist vergessen oder ich vergebe. Das heißt, mein Freiheitsraum wird gesteigert und natürlich den auch von der Sabine und wir haben mehr Spielraum für die Zeit, die uns hier auf dieser Welt gegeben ist. Und das ist doch eine gute Nachricht, wenn wir mehr Zeit und Spielraum haben, uns einander zu begegnen und weiterzuentwickeln.
00:27:15: Sabine: Ich hoffe, wir haben dich zum Denken angeregt oder euch zum Denken angeregt.
00:27:20: Roland: Wir wollen euch animieren, mit so einer inneren Lupe auf die Spur zu gehen.
00:27:26: Sabine: Wenn ich jetzt anfange, darüber zu diskutieren, dann freue ich mich, dann habe ich schon was erreicht, weil ich möchte gerne, dass ihr ein bisschen über euch nachdenkt, nachspürt.
00:27:35: Roland: Nicht nur ihr, sondern wir alle.
00:27:37: Sabine: Und eine Diskussion ist auch etwas sehr Interessantes, kommt man auch ein Stückchen weiter.
00:27:41: Roland: Auch wichtig, uns immer wieder miteinzubauen, weil auch wenn wir Bartherapeuten, Experten sind, wir sind auch genauso Menschen mit Ohrwascheln, die auch ihre Themen haben und die ganze Expertise nützt dir nichts, wenn du dich nicht auch spürst und merkst, wo bist du als Mensch, wie bist du geworden und wie kannst du hier gemeinsam, in dem Fall wir mit euch, eine Weiterentwicklung, eine Reifung bewirken. In diesem Sinn, alles Gute beim Suchen der Knöpfe, der eigenen und vielleicht auch bei der Partnerin, Partner.
00:28:20: Sabine: Und ich hoffe, du hast auch Verbündete mit dabei im Boot, mit denen du das auch weiterverfolgen kannst und vielleicht auch zu mehr Bewusstsein kommen kannst.
00:28:28: Roland: Nicht gegen deinen Partner, Partnerin, Verbündete.
00:28:31: Sabine: Nein, deinen Partner als Verbündeter oder deine Partnerin oder auch andere Menschen, die gerne mit dir auch ein bisschen reflektieren und überlegen und nachdenken. Ja, liebe Leute, bleibt dran und macht es gemeinsam. Alles Gute dafür.
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